Die Straße der Ölsardinen. Roman.
John Steinbeck, DTV




"Cannery Row ist mehr als nur eine Straße, es ist die Gegend der Ölsardinen und Konserven, ist ein Gestank und ein Gedicht, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und Tönen, ist eine schlechte Angewohnheit, ein Traum."
So führt Steinbeck in den Roman ein. Und dieser erste Satz ist, wie sich im weiteren Verlauf herausstellt, Programm. Die Cannery Row, im Städtchen Monterey (Kalifornien) ist der Hauptschauplatz. Der Gegensatz "Gestank" und "Gedicht" trifft die gesamte Atmosphäre gut.
Die Protagonisten sind ein recht bunt zusammen gewürfelter Haufen, überwiegend aus dem sozial schwächeren Milieu.

Zu Beginn lernt der Leser den chinesischen Kaufmann Lee Chong kennen, einen Krämer, der Besitzer eines dieser faszinierenden, asiatischen Läden ist, in denen man einfach alles bekommt. Chongs Kramladen ist eine Art Anlaufstelle für sämtliche Helden. Die meisten Anwohner der Cannery Row stehen bei Chong in der Kreide. Doch ist jeder peinlichst darum bemüht, diese Schulden stets in irgend einer Art und Weise wieder zu begleichen, denn Chong ist bei allen sehr angesehen, und man verscherzt es sich nicht gerne mit ihm.
"Die Jungens" sind eine Clique von jungen Männern, die nicht arbeiten. Nicht, weil sie nicht können, sondern vielmehr weil sie es nicht wollen. Sie schlagen sich durch, organisieren hier und da und sind mit ihrem Los voll zufrieden. Ihr Anführer ist Mack, ein recht schräger, obgleich auch harmloser Vogel. Lee Chong und auch der Doc sind immer auf der Hut davor, daß sie nicht irgendwie von ihm übers Ohr gehauen werden.
"Die Jungens" ziehen im ersten Teil des Romans in ein Haus, das Lee Chong von einem Schuldner überschrieben bekommt, ein. Der Schuldner erschießt sich übrigens nach der Überschreibung, eine Tatsache, die Chong sehr leid tut, aber nun einmal nicht zu ändern ist. Das Haus wird "Palace Hotel und Grillroom" genannt und ist, ähnlich wie Chongs Laden ein fester Bezugspunkt des Romans. Die zentrale Figur des Romans ist Doc, ein Naturwissenschaftler. Zu seinen größten Leidenschaften zählen Bier, klassische Musik, insbesondere Gregorianische Gesänge, und natürlich seine Arbeit. Er beschäftigt sich mit Meerestieren, handelt damit, versorgt aber auch Universitäten mit Fröschen und vieles mehr. Auch Docs Haus ist ein zentraler Punkt des Romans.
Die "Jungens" mögen ihn sehr und beschließen, ihm einmal eine große Freude zu machen. Damit wären wir eigentlich auch schon beim eigentlichen Plot dieses Romans angelangt, denn genau darum geht es im weiteren Verlauf. Natürlich baut Steinbeck das ganze Szenario sehr langsam und behutsam, geradezu zärtlich mit vielen Einzelepisoden auf. Immer wieder werden die seltsamsten Personen vorgestellt.
Beispielsweise ist da Herni der Maler, der in einem Boot lebt, an dem er seit vielen Jahren herumbastelt, ohne jemals damit fertig werden zu wollen. Oder aber Dora, die Puffmutter des "Restaurant Flotte Flagge" und ihre Mädchen. Mr. und Mrs. Malloy, die in einem Kessel wohnen. Ein alter Chinese, der mit einem kaputten Schuh über die Straße schlurft, und den man nur zweimal täglich sieht. Es würde zu weit führen, hier alle Personen aufzuzählen, die im Laufe des Romans ins Bild kommen.
Was mir persönlich sehr an diesem Buch gefiel, ist der leise Ton, mit dem Steinbeck erzählt. Die teilweise sehr poetischen Beschreibungen der Szenerie rund um die Cannery Row, die liebevolle Charakterisierung der Protagonisten, ohne dabei jedoch ins all zu Romantische abzudriften, hinterließen ein wohliges Echo in mir. Man muß sie einfach lieben, diese seltsamen Figuren der Ölsardinenstraße.

Fazit:
In seiner einfachen und schlichten Sprache ist dieser Roman meiner Meinung nach ein großartiges Kunstwerk. Die 150 Seiten lassen sich gut lesen. Man fühlt sich schon nach den ersten Seiten in dieser Welt zu Hause. Die Mischung aus "Gestank" und "Gedicht" ist es, die diesen Roman so reizvoll macht. Ein absolut empfehlenswertes Stück Weltliteratur.

Broschiert - 149 Seiten - Dtv
ISBN: 3423106255
EUR 6,50

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