FABIAN. Roman. (1931)
ERICH KÄSTNER, Dtv 1989



Der episodisch angelegte Großstadtroman gewährt satirische Blicke auf das Berlin der letzten Tage der Weimarer Republik, ohne schon ahnen zu lassen, was kurz darauf folgen wird.
Der Protagonist, Jakob Fabian, erweist sich als passiver, weil resignierter Beobachter einer dekadenten Gesellschaft, die jenem Hedonismus anheim gefallen ist, der alle untergehenden Weltreiche bisher annoncierte. Sein leicht pathetischer (und manchmal sentimentaler) Gestus retardiert die Handlung des Romans immer dann, wenn das Ganze unglücklich zu gelingen droht. Ungeachtet der Tatsache, daß der Held sukzessiv demontiert und dekonstruiert wird (Fabian verliert Arbeitsplatz, Freundin, den besten Freund und schließlich sein Leben), bleibt der moralische Impetus eines Gescheiterten, der seiner Lebensumwelt nahezu lustlos den entlarvenden Spiegel vorhält, ohne sie dadurch beeinflussen oder gar bezwingen zu können. So zeigt sich die Aporie des Gutmenschen, der den ersten Schritt deshalb nicht macht, weil er den zweiten nicht machen zu können glaubt. Anders gesagt: Fabian verzichtet inmitten einer ihm unbehaglichen Gesellschaft auf deren Korrektur, weil er der Veränderung der Gesellschaft (anders als sein Freund Labude) die Veränderung des Individuums voranstellt. Einem intelligenten Protagonisten wie ihm ist daher der Weg zur Handlung
verstellt. Infolgedessen läßt Fabian sich treiben durch das unmoralische und sittenlose Berlin seiner Zeit. Sexuelle Ausschweifung, mediale Korruption, exzessives Entertainment und akademische Verlogenheit ziehen vorüber wie die überzeichneten Bilderbögen eines Moritatensängers.

Natürlich überzeichnet Satire. Natürlich wartet sie nicht mit einem versöhnlichen Ende auf. Natürlich ist sie heute genauso uninteressant wie damals.
Das Buch steht ständig auf der Kippe: In dem Augenblick, in dem es seinen sarkastischen Charme zu verlieren droht, kompensiert es dies durch Sentimentalität (etwa die immer wiederkehrende Hinwendung des ansonsten untätigen Fabian zu den Schwachen und Hilfsbedürftigen). Die Distanz zwischen Leser und Text ist Folge sowohl des stets präsenten ironischen Untertons als auch der unglaubwürdigen und gelegentlich abdurd gesteigerten Figurenaktion. Die Identifikationsverweigerung (weder Fabian, noch dessen Freunde oder Feinde schmiegen sich dem Leserinteresse an) markiert unmißverständlich die Grenzen dieses Buches: Es ist eine Folie, auf der Abgrenzung und Ablehnung stattfinden, nicht aber Idealisierung oder Empathie. Damit ist Satire ausgereizt, denn mehr ist nicht zu zeigen als der Bankrott des (vermeintlich) guten Willens vor der (nicht begangenen) guten Tat.

Broschiert - 245 Seiten - Dtv
Erscheinungsdatum: 1989
ISBN: 3423110066

EUR 8,00

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