Zwischenstationen. Roman.
Vladimir Vertlib, dtv, Juni 2005


Grandiose Odyssee-Erzählung

"'In der Ukraine war mein Sohn mit seinem Aussehen und seinem Familiennamen eindeutig der Jud. [...] In Israel ist er hingegen a Goi, weil seine Mutter Nichtjüdin ist. Wo, frage ich sie, sehr geehrte Damen und Herren, soll da die Gerechtigkeit liegen?'
‚Die Gerechtigkeit ist ein jüdischer Witz', entgegnete meine Mutter trocken."

Fünf Jahre ist der Ich-Erzähler alt, als er eines Tages mit seinen Eltern verreist. Doch was dem Kind als "Urlaub" angekündigt wurde, ist in Wirklichkeit die Auswanderung. Der Familie wurde die Ausreise aus der Sowjetunion nach Israel gestattet. "1971 stand die Existenz der Sowjetunion noch für mindestens zweihundert Jahre fest, und der eiserne Vorhang trennte für immer". Solange möchte der Vater nicht warten.

Doch Israel ist nicht das gelobte Land, das er sich erhofft und ausgemalt hatte. Bald verlassen sie es, ziehen nach Wien und stellen dort den Antrag auf Rückreise in die Sowjetunion. Der scheitert. In Österreich, der Geburtsheimat Hitlers, will der Vater auch nicht bleiben. So folgt die Ausreise nach Holland, Italien, zurück nach Israel dann wieder Wien, Amerika und schlussendlich, nach zehn Jahren Irrfahrt, lässt man sich doch in Wien nieder.

Die Heimat ist nirgendwo, schon gar nicht für den Vater, ein Phantast, der die Realitäten nicht wahrnehmen will, der immer vom gelobten Land träumt, das immer anderswo ist. Die Mutter, eine promovierte Mathematikerin und Physikerin, nimmt jede Stellung an, sie ernährt die Familie. Der Vater, unwillig, die Sprache des jeweiligen Gastlandes zu lernen, träumt derweil von der Ferne. Das Kind weiß nie, ob es morgen nicht in einem anderen Land leben wird, fern von allen Freunden, die es gefunden hat. Sie sind nicht die Einzigen, die keine Heimat finden, dafür aber gibt es überall Schicksalsgenossen. Gleich ob in Ostia bei Rom, Brigittenau in Wien oder in Brooklyn, überall gibt es Viertel, in den jüdische Flüchtlinge aus der Sowjetunion leben. Hochqualifizierte Akademiker arbeiten als Hilfsarbeiter für jeden Lohn, hoffen darauf, dass ihre unsichere Stellung endlich einmal legalisiert wird. Jüdische Hilfsorganisationen in der Diaspora ermöglichen das nackte Überleben, mehr aber können auch sie nicht bewegen. Wer aus der Sowjetunion ausreisen durfte, wurde meist israelischer Staatsbürger. Und wem das nicht gefiel, der hatte Pech gehabt. Mit einem israelischen Pass galten sie nicht mehr als politische Flüchtlinge, waren nirgendwo willkommen.

Die Urne mit der Asche der Großmutter fällt im Gedränge der Straßenbahn in St. Petersburg zu Boden und zerbricht. Die Geburtstage der Eltern kombiniert der Jugendliche zu einer gefälschten Sozialversicherungsnummer für einen Bibliotheksausweis. Leider gehört die Nummer einer achtzigjährigen Farbigen.

In Wien trifft der Sechsjährige, einsam und allein, eine alte Nachbarin, die sich des Kindes annimmt. Jeden Nachmittag verbringt er bei der alten Frau. Die hat ihn gern und freut sich, wenn er kommt. Sie erzählt ihm Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Doch die kann das Kind nicht recht einordnen. Frau Berger ist nämlich immer noch glühender Hitler-Fan und schenkt ihrem Liebling ein Zigarettenetui mit der eingravierten Karte des Großdeutschen Reiches.

Für die sowjetische Kommunisten sind Juden höchst verdächtige Kleinbürger, für Exilrussen ist der Bolschewismus immer noch eine jüdische Erfindung.

Vladimir Vertlib erzählt mit trockener Ironie, einem einmaligen Sinn für die Hintertreppenwitze der Geschichte. Oft muss man laut auflachen und gleichzeitig bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Immer aber fesselt das Buch. Spannend wie ein Krimi, unterhaltsam wie einer der Familienromane von John Irving; kaum jemand versteht es derart perfekt Unterhaltung und große Literatur zu kombinieren. Und wie in "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" und "Letzter Wunsch" erleben wir die Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert. Nur aus ungewöhnlicher Perspektive, aus Einzelschicksalen; skurrile und komische Szenen, die dennoch - oder grade deswegen? - mehr über die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verraten als so manches Sachbuch.

Die Heimatlosigkeit und der Konflikt mit dem Vater bestimmen den Roman. Und im Hintergrund blitzt immer wieder die Shoa auf, die auf allen Erwachsenen lastet.

Fazit: Unterhaltung und Literatur pur. Wer dieses Buch nicht liest, ist selbst schuld!

Rezensionen anderer Vertlib Bücher:
Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur
Letzter Wunsch

Über den Autor: Vladimir Vertlib geboren 1966 in Leningrad (St.Petersburg), lebte als Kind in Israel, Wien, Rom und den USA. Nach dem Studium der Volkswirtschaft arbeitete er in einer Versicherung und einer Bank, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er gewann den Adalbert-von-Chamisso Preis und den Anton-Wildgans-Preis. Heute lebt er in Salzburg.

Zwischenstationen, Vladimir Vertlib, Roman, Juni 2005, dtv
ISBN 3-423-13341-4, Taschenbuch, 301 Seiten, Euro 11,50

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