Der Ziegenchor. Roman.
Tom Holt, Heyne, 1994


"Als ich elf Jahre alt war, hatte ich mich bereits an das Verfassen von Chortexten gemacht [...] und konnte bald meine erste Komödie fertig stellen, auf die ich geradezu absurd stolz war. Nach ihrem Chor und Premierenpublikum trug sie den Titel Die Ziegen und erhielt auf den panhymettischen Festspielen von dem alten, weißen Bock, den ich zum Vorsitzenden der zwölfköpfigen Jury gewählt hatte, den ersten Preis. Da in diesem Jahr lediglich ein Stück aufgeführt wurde, blieb dem Vorsitzenden diesbezüglich vermutlich keine andere Wahl, und kurz nach der Preisverleihung stieß er mich prompt äußerst schmerzhaft mit den Hörnern, als ich versuchte, ihm die widerspenstige Stirnlocke zu glätten. Auf diese Weise erteilte er mir rechtzeitig eine nachhaltige und unbezahlbare Lektion über die Wankelmütigkeit des Publikums."

Eupolis von Pallene lebt zur Zeit des großen Perikles in Athen. Er ist Komödiendichter und zwischen denen herrscht erbitterte Konkurrenz. Wer wird den Preis gewinnen, der jedes Jahr vergeben wird? Um die eigenen Chancen zu steigern, scheuen sich manche Dichter nicht, in die Häuser von Konkurrenten einzubrechen, um dort die Kostüme der Schauspieler zu stehlen und so die gegnerischen Aufführungen zu hintertreiben.

Und es gibt Götter. Dionysos zum Beispiel, der Gott des Weins, aber auch des Theaters und der beauftragt ausgerechnet Eupolis auf seinen Konkurrenten Aristophanes aufzupassen. Dabei ist der nicht nur Konkurrent im Theater, sondern stellt obendrein Eupolis Frau nach. Letzteres wäre zwar nicht so tragisch, denn die beiden Eheleute hassen sich. Dennoch ist Eupolis von seiner Aufgabe keineswegs erbaut.

So werfen wir mit ihm einen Blick hinter das antike Theater und siehe da, es kommt uns gar nicht so fremd vor, ähnelt verblüffend dem heutigen Literaturbetrieb und hat wenig gemein mit dem Bild von stiller Einfalt und Größe, das uns Griechischlehrer so gerne vorstellen.

Auch sonst lässt uns Eupolis hinter die Kulissen der Attischen Demokratie und Politik gucken und so manches scheint bekannt. Die Begeisterung der Bürger für Prozesse, für Anklagen und immer sind die anderen Schuld zum Beispiel. Die Hybris der Macht, der Athen erliegt und die Begeisterung, mit der die Volksversammlung den Krieg gegen Sparta feiert und eine Expedition nach Syrakus sendet zum Beispiel.

Eigentlich ist es ein historischer Roman, auch wenn er in manchen Details frei mit der Historie umgeht. Heyne hat ihn als Fantasy herausgebracht, was nicht weiter schlimm ist, und ihn nicht mehr aufgelegt, was eine Tragödie ist. Denn dieses Buch ist witzig, traurig, komisch und spannend zugleich. Wer ein gebrauchtes Exemplar kaufen kann, sollte dies unbedingt tun, er wird es nicht bereuen.

Bleibt zu hoffen, dass es doch noch einmal neu aufgelegt werden wird.

Autorenhomepage:

Der Ziegenchor, Tom Holt, Heyne, 1994
Originaltitel "Goatsong", aus dem Englischen von Kalla Wefel
ISBN 978-3453078000, TB, 365 Seiten, im Moment nur gebraucht erhältlich

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