Der Zauberlehrling von Kalkutta. Reiseroman.
Tahir Shah, Droemer 2004




Magie und Illusion

"Hafiz Jan zauberte aus dem Nichts eine gewöhnliche Glühbirne hervor, wickelte sie in ein Taschentuch und zertrat sie mit dem linken Fuß. Er reichte mir eine Banane, die ich genüsslich verspeiste. Auch der Paschtune aß eine, legte sich dann eine der Glasscherben auf die Zunge und begann zu kauen. Nun war ich an der Reihe. Auch ich schob mir ein scharfzackiges Stück Glas in den Mund und begann zu kauen.
Mein Vater schaute ungläubig zu, sichtlich erschüttert, dass man seinem Sohn beigebracht hatte, Glas zu essen, noch dazu mit Genuss."

Als er elf ist, taucht im Haus seiner Eltern in einem abgelegenen englischen Dorf ein Paschtune auf. Er ist der Wächter von Jan Fishans Grab. Und Jan Fishan Khan ist nicht irgendwer, er ist der berühmteste Vorfahr der kleinen afghanischen Familie, hat sich vor Jahrhunderten ein Königreich in Indien erkämpft und nach seinem Tod ein Grabmal.

Doch den jungen Tahir Shah fasziniert weniger das Grabmal, als vielmehr, dass der Paschtune zaubern kann. Eine endlose Reihe von Tricks beherrscht er und gerne gibt er seine Geheimnisse an den Jungen weiter, der der Nachfahre des großen Fishan Khan ist. Er lehrt ihn das Zaubern.

Zwanzig Jahre später, die Kommilitonen aus Oxford haben längst vernünftige Jobs, vernünftige Häuser, vernünftige Frauen und vernünftige Familien, beschließt Tahir, nach Indien zu gehen und Magier zu werden. Der berühmte Magier Hakim Feroze nimmt ihn als Lehrling an. Tahir ahnt nicht, was ihn erwartet. Feroze ist arrogant wie Houdini, sadistisch und Tahir erlebt die Hölle auf Erden. Über ein halbes Jahr dauert es, bis er überhaupt den ersten Zaubertrick lernen darf. Er verschluckt Steine und würgt sie wieder heraus, steckt seine Hand in flüssiges, kochendes Blei, und erfährt, wie die Tricks von Uri Geller und anderer Gurus funktionieren.

Dann schickt ihn sein Meister auf Reisen. Er soll Indien erkunden. Und das tut Tahir Shah und wie. Den absonderlichsten Gestalten begegnet er, Skeletthändlern und Baby-Verleihern, Gurus die ihren Herzschlag anhalten können und einem mittellosen Millionär, begreift, mit welchen Tricks man die unglaublichsten Wunder wirken kann - und das letztendlich alles nur Illusion ist.

Der Zauberlehrling von Kalkutta fesselt seine Leser nicht nur mit einem schillernden Indienbericht, sondern auch mit Zaubertricks, die selbst Harry Potter zum Staunen bringen würden. Das Buch liest sich spannend wie ein Thriller, taucht den Leser in eine Welt der Magie und Illusion, aus der er nur ungern wieder auftaucht.

Vor allem Fantasy- und Krimi-Autoren sollten es lesen. Immer die gleichen Feuerblitze, immer die gleichen Giftmorde, das ist auf Dauer doch langweilig. Hier ließe sich wirklich neues entdecken.

Ein faszinierendes Buch, durch und durch gelungen.

Homepage des Autors

Über den Autor: Tahir Shah, Jahrgang 1966, studierte Politologie in Oxford, arbeitete am Instituf für Cultural Research und am Institut for the Human Knowledge und schreibt Reisebücher. Er stammt aus einer der berühmtesten Familien Afghanistans. Er lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in London.

Der Zauberlehrling von Kalkutta, Tahir Shah, Droemer 2004
Aus dem Englischen von Maria Zybak
ISBN 3-426-27299-7, gebunden, 464 Seiten, Euro 22,90

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