Der Windsänger. Fantasy-Roman.
William Nicholson, dtv 2001


Die Macht der Prüfung

"Heute besser als gestern. Morgen besser als heute. Das ist der Geist, der unsere Stadt groß gemacht hat." In der Stadt Aramanth kann jeder Bürger etwas werden und das hängt nicht von Beziehungen ab, von Geld oder von Abstammung. Nur von einem: Wie man in den jährlichen Prüfungen abschneidet. Die erste findet statt, wenn ein Kind zwei Jahre alt ist.
Die Prüfungsergebnisse von Kinder und Eltern bestimmen den Familienstatus und welche Wohnung die Familie in welchem Stadtteil erhält. Prüfungen sind das wichtigste überhaupt und der mächtigste Mann in Aramanth ist der oberste Prüfer Maslo Inch. Kestrel und Boman sind Zwillinge, Kestrel ist extrovertiert und mutig, Bowman introvertiert und ängstlich, kann aber dafür Stimmungen erfühlen. Eines Tages rastet Kestrel aus, sie besteigt das zentrale Denkmal in der Prüfungsarena und schreit ihre Wut hinaus: "Ich hasse Prüfungen! Ich hasse Noten! Ich will nicht besser werden! Ich will mich nicht mehr anstrengen!"
In Aramanth sind das unmögliche Worte und sie führen dazu, dass die Familie der Zwillinge zurückgestuft wird. Sie verlieren ihre Dreizimmerwohnung und müssen in einem Zimmer im schlechtesten Bezirk der Stadt leben. Die Zwillinge beschließen zu fliehen. Mumpo, ein Kind, das immer die schlechtesten Prüfungsergebnisse erzielt, das dreckig und dumm ist, folgt ihnen und sie können es nicht vertreiben.
Auf ihrer Flucht treffen sie den nominellen König von Aramanth und der verrät ihnen ein Geheimnis: Sie müssen den Windsänger finden und zurück nach Aramanth bringen, wenn sie der Stadt helfen wollen. Der Windsänger wurde vor langer Zeit der Morah übergeben, die dafür die Stadt vor dem Heer der Zars rettete, das Aramanth zu zerstören drohten.
Eine weite Reise wartet auf die beiden Zwillinge und Mumpo. Durch die unterirdischen Salzminen müssen sie waten und werden von alten Kinder bedroht, die jeden zum Greis machen, der sie berührt. Sie geraten in den Krieg zweier segelnden Städte, die seit Jahrhunderten verfeindet sind. Auf der Reise entdeckt Bowman, das er mutiger ist, als er selbst vermutet, Kestrel, dass sich Gut und Böse sich nicht so einfach trennen lässt und Mumpo, dass er Freunde hat - doch nicht die, in deren Reihen er marschiert. Zum Schluss, als sie denken, sie haben ihr Ziel erreicht, müssen sie feststellen, dass sie nur eine weit größere Gefahr wieder zum Leben erweckt haben.
Ein Jugendbuch, ein Fantasy und ein Hohelied der Freundschaft und Treue, eine Geschichte, die erzählt, wie wichtig es ist, sich eine eigene Meinung zu bilden und wie leicht man der Verführung erliegt, zu denken und zu fühlen wie alle anderen. Aber vor allem ein spannendes Buch, nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, eines, das zeigt, das ein gutes Fantasy Buch auch ganz ohne Orks auskommen kann und ohne dass gleich jeder weiß, wer die Bösen sind und wer die Guten.

Über den Autor: William Nicholson, Jahrgang 48, hat eine Menge Filme gedreht (u.a. Shadowlands, Gladiator), bevor er mit The Windsinger seinen ersten Roman vorlegte. Das Buch gewann unter anderem den Smarties Award.

William Nicholson, Der Windsänger.
übersetzt von Stefanie Mierswa
Paperback, 337 S., dtv 2001
ISBN 3423706678
10.00 €

William Nicholson, The Windsinger (englische Ausgabe)
Paperback, 341 S., Egmont 2000
ISBN 0-7497-4471-5
5.99 Pfund

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