Das Wetter vor 15 Jahren. Roman.
Wolf Haas, Hoffmann und Campe, 2007




Wetterfühlig
Tag der offenen Tür in der Romanwerkstatt von Wolf Haas

Kann man eine Geschichte nur in Teilen abliefern, aus denen sich der Leser wie bei einem Ikea Möbel das Ganze selbst zusammenschrauben muss?

Man kann, wenn man Wolfgang Haas heißt.

Fünfzehn Jahre haben sich Anni aus Österreich und Vittorio aus dem Ruhrpott nicht mehr gesehen. Dann tritt er bei "Wetten, dass ...?" auf und gewinnt, weil er das Wetter jedes einzelnen Tages dieser fünfzehn Jahre in Annis Heimatdorf auswendig kennt.

Seit dem Tag als das Gewitter kam und die beiden trennte. Seit dem Tag, als er glaubte, er habe einen Menschen umgebracht, der ...

Darum geht es in "Das Wetter vor 15 Jahren", einem Roman, die sich über fünf Interviewtage erstreckt. Wolf Haas erzählt es uns nicht - er interviewt sich selbst darüber und packt Stückchen für Stückchen ein Puzzleteil nach dem anderen aus und überlässt es dem Leser, daraus die Geschichte zusammenzusetzen. In einem fiktiven Interview zwischen Wolf Haas als Autor und der Redakteurin einer Literaturbeilage wird das Buch und seine Szenen nacheinander durchgesprochen.

Dazwischen unterhält er sich mit der Redakteurin der Literaturbeilage über die Bedeutung dieses oder jenen Details, wie die eine oder andere Stelle zu interpretieren sei, warum dies so und nicht anders geschrieben wurde und natürlich geraten sie darüber manchmal aneinander, manchmal spielen sie sich gekonnt die Bälle zu und manchmal reden sie einfach über die Sprache im Pott und in den Alpen.

"Literaturbeilage: Autoren beklagen sich ja oft bitter darüber, dass in der Zeitung schon vorab die ganze Handlung verraten wird.
Wolf Haas: Deshalb schreibe ich keine Krimis mehr. Da stört es ein bisschen, wenn man schon vorher alles weiß. Aber bei normalen Büchern sehe ich es eher als Hilfe. Als Teamarbeit. Klappentext und Kritiker erzählen vorab die Geschichte, und als Autor kann man sich auf das Kleingedruckte konzentrieren."

Dass das Ende - ein Kuss - bereits am Anfang erzählt wird und ob das nötig ist und warum, diskutieren die Beiden genauso, wie die Geschwindigkeit, in der ein Gewitter in den Alpen aufzieht und wie der Autor diese Zeit dehnt oder rafft. Welche Andeutungen im Text eingearbeitet worden sind, was sie bedeuten sollen und zum Schluss erkennt der Leser, dass es doch alles ganz anders war, als er zunächst gedacht hatte.

Erzähltechnischen Kniffe und Handwerk werden erläutert. Ein wenig schauen wir Leser im Interview hinter die Kulissen, sehen, wie die Geschichte gebaut wurde, können die Verstrebungen und tragenden Säulen erkennen, die ein fertiger Text vor dem Leser geheim hält. Sozusagen "Tag der offenen Tür" in der Romanwerkstatt des Autors Wolf Haas.

So ist das Buch ein Vexierspiel mit Fiktion und Fiktionen, nicht ohne liebevolle Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb. Eben ein intellektuelles Puzzlespiel und ein vergnügliches obendrein.

Interview mit dem Autor

Das Wetter vor 15 Jahren, Wolf Haas, Roman, Hoffmann und Campe, 2007
ISBN 10: 3-455-40004-3, ISBN 13: 978-3-455-40004-5, gebunden, 224 Seiten, Euro 18,95

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