Verbrecher und Versager. Fünf Portraits.
Felicitas Hoppe, Mare Verlag 2004




Fünfmal Fernweh

"Sie fragen nach meinen Untermietern. Der eine heißt Schiller, der andere Kapf, den hat mir Schiller ins Haus geschleppt, doch um gleich die ganze Wahrheit zu sagen: Franz Joseph Ernestus Antonius Emerentius Maria Kapf, hoch zu Ross und im Reden voran, ist in Bayern bei den Jesuiten gewesen, die haben den Kindskopf mit Ideen gestopft, das trägt jetzt gewisse Früchte. Manieren hat er so wenig wie Schiller, die hat man den Herren nicht beigebracht auf der Herzoglichen Akademie. Kapf trinkt und prügelt und predigt für zehn, ein Jesuit der besonderen Sorte. Heidenmissionar möchte er werden, und ich sage, dann gehen Sie doch, sehen Sie, dass Sie nach Afrika kommen, da ist es so heiß, dass selbst Kindsköpfe schrumpfen."

Fünf Portraits, fünf Männer aus verschiedenen Jahrhunderte, die eines verbindet: Das Fernweh, das Gefühl, das die Heimat ihnen zu eng ist, ihnen nichts bieten kann. Also brechen sie auf, der Gärtner Georg Meister; der Kapf, Zimmernachbar Schillers, der das, was Schiller im Schreiben sucht, in Wirklichkeit sehen will; der Naturforscher Junghuhn, den man später den Humbold Javas nennen wird; Carl Hagenbeck, das schwarze Schaf der berühmten Hamburger Familie Hagenbeck und als letzter Leonhard Hagebucher, eine Romanfigur Wilhelm Raabes.

Felicitas Hoppe versucht dem nachzuspüren, was ihren fünf Figuren gemeinsam ist: Was zieht Menschen in die Ferne, ins Unbekannte? Vielleicht dasselbe, was andere in Worte und Geschichten fliehen lässt? Der Kapf reist ans Kap der guten Hoffnung, der Schiller schreibt die Räuber, beiden ist das Deutschland der Duodezfürsten viel zu eng. Und zum Schluss die Romanfigur Raabes, die aus Afrika berichtet, aber es ist das Afrika der Phantasie, das Afrika, das sich ein deutscher Dichter, der nichts davon weiß, zusammenphantasiert. So real wie Karl Mays Amerika. Noch etwas gemeinsames: Die Fremde, die sie so ersehnen, gibt ihnen nicht das, was sie erhofft haben. Wenn Träume Realität werden, verlieren sie oft ihre Farbe.

Felicitas Hoppe schildert das mit einer ganz eigenen Sprache, die manchmal fasziniert, manchmal allerdings auch ein wenig übertrieben wirkt. Und sie kann für mein Gefühl ihren Figuren kein Leben einhauchen, zu distanziert betrachtet sie sie, zu verliebt ist sie in ihre eigenen Sprachspielereien. Dementsprechend bleiben auch die fünf Geschichten blass. Ein Buch für alle, die Sprache mögen, wer aber Geschichten mit lebendigen Personen erwartet, wird wohl enttäuscht werden.

Und der Titel ist einfach irreführend, wenn nicht ärgerlich. Bis auf Hagenbeck handelt es sich nicht um Versager, und Verbrecher sind es auch keine.

Über die Autorin: Felicitas Hoppe, geboren 1960 in Hameln, studierte in Tübigen, den USA, Rom und Berlin. Für ihr Debüt Picknick der Friseure erhielt sie den Ernst-Willner-Preis in Klagenfurt und den Aspekte-Literaturpreis. Heute lebt und arbeitet sie als freie Schriftstellerin in Berlin.

Verbrecher und Versager, fünf Portraits, Felicitas Hoppe, Mare Verlag
ISBN 3- 936384-12-6, gebunden, 156 Seiten, 18 €, 2004

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