Unheimliche Gesellschaft. Phantastische Erzählungen.
Carlos Fuentes, S. Fischer, 2006



"Bevor sie starb, eröffnete Alejandro de la Guardias Mutter diesem zwei Dinge. Zum einen habe der Vater des Jungen, Sebastian de la Guardia, nicht mehr an Erbe hinterlassen als diese heruntergekommene Wohnung in der Rue de Lille. Immerhin etwas, aber das reiche nicht zum Leben. Er könne sie weiterhin vermieten.
Das Problem waren aber die Tanten. Die Schwestern von Alejandros Mama. Die Großeltern de la Guardia waren gleich beim ersten Aufflackern der Revolution aus Mexiko geflohen, darauf vertrauend, dass sie trotz der Enteignung ihrer Pulque-Farmen durch die zapatistische Agrarreform gut würden leben können - dank ihrer vorsorglich getätigten Anlagen."

Sechs Erzählungen umfasst dieses Bändchen. Von einem jungen Mann, der von Paris nach Mexiko zu seinen Tanten zieht, die er nie gesehen hat und die etwas merkwürdig Angwohnheiten zu haben scheinen. Von dem Macho, der seine geliebte Frau quält, bis überirdische Mächte eingreifen. Vom Grafen Vlad und seinem seltsamen Haus ohne Fenster. Von einem Deutschen, der 1915 nach Mexiko zieht, aber immer geheime Kontakte in die alte Heimat unterhält.

Aber der Ton, in dem diese Geschichten geschrieben sind! Man möchte fast nicht glauben, dass noch jemand diesen Ton beherrscht, so sehr spiegelt sich in ihnen eine vergangene Zeit. Am Kamin sollte man sie lesen, mit einem Glas Sherry neben sich, jeder Menge Zeit und weit weg von Fernsehen und Internet.

Notfalls tut es auch ein bequemer Sessel am Zentralheizkörper. Die Zeit jedoch ist unverzichtbar. Die Geschichten sind keine Pageturner, man liest sie langsam, blickt immer wieder auf, lässt seine Gedanken schweifen. Und plötzlich sieht man sich in einem Zimmer mit alten Möbeln im Kolonialstil sitzen, ein Graf mit vollendeten Manieren betritt das Zimmer und ...

Alle Geschichten erzählen von gebildeten Mexikanern der Oberschicht, europäisch erzogen, die Spannung zwischen europäischer Kultur und mexikanischer Herkunft taucht immer wieder auf.

Sechs sorgfältig erzählte Miniaturen, die zwischen Realität und Phantastik schweben, stilistisch ausgefeilt, langsam erzählt, die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen und ein wenig Grauen kriecht den Rücken hinauf, aber auch das ist wohldosiert. Ein Leseerlebnis der ganz eigenen Art.

Über den Autor: Carlos Fuentes wurde 1928 in Panama geboren, sein Vater war mexikanischer Diplomat. Auch Fuentes arbeitete nach seinem Jurastudium in der Schweiz und in Mexiko zunächst als Diplomat. Ab 1957 schrieb er Romane und Drehbücher. Er gilt als einer wichtigsten Autoren Mexikos, erhielt die höchste Auszeichnung der spanischsprechenden Welt, den Cervantes-Preis und die Ehrendoktorwürde der freien Universität Berlin. Heute wohnt er in London und Mexiko-City.

Unheimliche Gesellschaft, Carlos Fuentes, Phantastische Erzählungen, S. Fischer, 2006
Originaltitel: Inquieta Compañia, aus dem Mexikanischen Spanisch von Lisa Grüneisen
ISBN 10: 3-10-020752-1, ISBN 13: 978-3-10-020752-4, gebunden, 303 Seiten, Euro 19,90

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