Die Umarmung. Roman.
Martin Gülich, Schöffling August 2005


"Sie steht, steif wie ein Stock, und schaut, und der Herr Staatsanwalt schaut, wie sie schaut, und Doktor Sander schaut, wie der Herr Staatsanwalt schaut, und als die Frau die Augen wieder von dem Toten abwendet, schaut sie auf einmal mich an, so, als hätte sie sich an einem Bonbon verschluckt, und im selben Moment, als Doktor Sander sie fragt, ob sie vielleicht ein Glas Wasser haben möchte, da fällt sie mir um den Hals. Sie schlingt mir ihre Arme um den Hals und vergräbt ihr Gesicht in meiner Schulter, und es dauert nicht lange, und das alte Zittern ist zurück in ihrem Körper, und weil sie so zittert, zittere ich gleich mit, weil so ein Zittern steckt ja an, und nur, damit das Zittern ein bißchen weniger wird, fasse ich mit meinen Armen um ihren Rücken und halte ihn fest, wie ich noch nie einen Rücken festgehalten habe, und ihre Brüste zittern gegen meine Brust, wie noch nie Brüste gegen meine Brust gezittert haben, so weich, wie ich es noch nicht einmal in meinen Träumen geträumt habe, und von ihrem Hals steigt ein Geruch auf wie das Paradies."

Dolf arbeitet in der Pathologie, als Gehilfe Doktor Sanders. Er ist einfach gestrickt, aber kein Idiot und er erzählt uns eine Geschichte, die mit einem Mord beginnt. Die Leiche landet, wie alle Mordopfer, bei Dr Sanders und Dolf. Und dorthin kommen auch die Angehörigen, in diesem Falle eine Frau, jung, hübsch und offensichtlich vermag Dolf sie zu trösten. Das prägt sich ihm ein, ihm, der kein Glück bei den Frauen hat, weil ihm die Pathologie und ihr Geruch anhaftet wie ein Fluch. Glück bei den Frauen, das hat sein Freund Walter, der oft darüber spricht und weiß, wie man Frauen zu nehmen hat und das erzählt er auch seinem Freund Dolf.

Doch Dolf ist kein Draufgänger. Obwohl, diese Frau, die ihn umarmt hat, die sich an seiner Schulter ausweinte, diese Frau lässt ihn nicht wieder los. Und damit beginnt eine Obsession, die ihn immer tiefer in eine Geschichte verstrickt, die ihn am Ende ...

Doch das müssen Sie schon selbst lesen.

Martin Gülich erzählt seine Geschichte langsam, so langsam, so behutsam, wie das Leben seines Protagonisten verläuft. Zunächst ist es vor allem die Sprache, die den Leser in Bann schlägt, aber auch die genaue, sorgfältige Schilderungen dieses Dolfs. Kein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, aber eines, aus dem man jeden Abend ein, zwei Kapitel liest, lesen muss.

Doch dann, ab der Hälfte zieht das Tempo an und der Leser blättert die Seiten schneller um, es bleibt nicht mehr bei einem Kapitel. Trotzdem kein Thriller, kein Buch, das man nur zu Entspannung liest, aber erst recht keins, das zu lesen man sich zwingen muss. Einfach eine wundervolle Geschichte, in einer einmalig konsequenten, gekonnten Sprache formuliert, kein Wort zuviel, keins zuwenig. Dazu entwickelt der Autor hier langsam, liebevoll seine Figur, gibt ihr Raum, drängt sie nicht, lässt sie sprechen und sie hat uns soviel zu sagen.

Um das Büchlein richtig genießen zu können, müsste man es sich vorlesen, oder vom Autor auf einer Lesung vorlesen lassen. Denn diese Sprache gewinnt ihr volles Aroma erst, wenn sie laut gesprochen wird. Schade, dass es bisher keine Hörbuchversion davon gibt.

Fazit: gekonnte Erzählung, kein Mainstream, aber für alle, die stimmige Sprache und Geschichten weitab vom gängigen Einheitsbrei lesen möchten.

Leseprobe
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Über den Autor: Martin Gülich, Jahrgang 1963, studierte Wirtschaftsingenieurwesen. Nach verschiedenen Anstellungen als Planungs- und Softwareingenieur leitete er bis Juli 2005 das Literaturforum Südwest und das Literaturbüro Freiburg
Heute lebt er in Freiburg/Breisgau als freier Schriftsteller.

Die Umarmung, Martin Gülich, Roman, Schöffling August 2005
ISBN 3895613037, gebunden, 145 Seiten, Euro 17,90

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