Traum aus Stein und Federn. Historischer Roman.
Louis de Bernieres, S. Fischer, Januar 2005




Ethnische Säuberungen

"Es ist schon seltsam, dass ihr, wenn ich erzählen soll, wie an diesem unbedeutenden Ort einst eine junge Christin ihr Leben verlor, von außergewöhnlichen Männern wie Mustafa Kemal zu hören bekommt, ebenso wie von gewöhnlichen wie mir, und dass auch Berichte über die großen Umwälzungen und Kriege dazugehören. Das Schicksal ist, wie es scheint, von Natur aus verschroben, genau wie wir.
Hin und wieder frage ich mich, ob Gott nicht manchmal schläft oder den Blick abwendet, ob es womöglich sogar eine göttliche Bosheit gibt."

Wir schreiben das Jahr 1900 und Eskibahçe ist ein kleines Städtchen an der türkischen Südküste, so abgeschieden, wie ein Ort im zerfallenden osmanischen Reich nur sein kann. Neuigkeiten aus der großen Welt treffen hier wenn, dann nur nach Jahren ein und im Ort leben Christen, die türkisch sprechen und Mohammedaner, die das auch tun, bisher friedlich zusammen. Wer schreiben kann - egal ob Mohammedaner oder Christ - schreibt in griechischen Buchstaben, doch es gibt nicht viele, die diese Kunst beherrschen.

Da gebiert die Christin Polyxeni eine Tochter, Philotei, die, wie alle Nachbarn versichern, ein unglaublich schönes Kind ist. Die ganze Stadt inklusive des Popen und des Imam kommt herbei, um das Kind zu sehen. Doch für schöne Kinder wird das Leben nicht gut ausgehen, so die allgemeine Meinung, der böse Blick und Satan warten nur, sie zu verderben. Folglich bittet der Vater Charitos seinen Freund Iskander, er möge für Philotei ein Tuch an einen Kiefernzweig binden.

Die ersten Jahre vergehen in dem abgelegenen Ort nicht anders als früher, Philothei wird tatsächlich zu dem schönsten Kind weit und breit. Doch bevor sie ihre große Liebe Ibrahim heiraten kann, bricht erst der zweite Balkankrieg aus, danach der erste Weltkrieg und schließlich der türkisch-griechische Krieg. Ibrahim muss zum Militär und kommt erst nach sieben Jahren zurück, doch dann ist er ein anderer Mann geworden und Philotei ...

Louis de Bernieres hat einen Schmöker über das Leben in einer abgelegenen osmanischen Stadt geschrieben und deren Bewohnern. Über Iskander, den Töpfer, Rustem Bey, den Aga, der sich in Istanbul eine tscherkessische Geliebte kauft, die in Wirklichkeit Griechin ist, Jusuf den Langen, der seinen Sohn zwingt, seine Tochter wegen geschändeter Ehre zu ermorden, Mohammed, den Blutegelsammler, Ali, den Schneebringer, Levon, den Apotheker, der Armenier ist und manchen anderen aus dem Städtchen, in dessen Frieden bald der Krieg einbricht und die Toleranz stirbt als erstes. Die Christen werden 1922/23 nach Griechenland vertrieben, im Gegenzug die Mohammedaner aus Griechenland und die ersten ethnischen Säuberungen des Jahrhunderts finden auf dem Balkan und der anatolischen Halbinsel statt. Millionen sterben, Millionen verlieren ihre Heimat. Die Saat des Nationalismus geht auf.

Wir erleben Ibrahim im Stellungskrieg auf Gallipoli, der ihn auf immer verändert, wie auch später im griechisch-türkischen Krieg, in dem beide Seite versuchen, sich in punkto Grausamkeiten, Massaker und Vergewaltigungen zu übertreffen und immer wieder taucht im Text Mustafa Kemal Atatürk auf, der später aus den Trümmern des zusammengebrochenen osmanischen Reiches die moderne Türkei bauen wird.

Poetisch ist dieses Buch und grausam, ausufernd und manchmal auch unübersichtlich, aber überaus faszinierend, wie de Bernieres die verschiedensten Erzählstränge aufnimmt, wieder fallen lässt, um sie dann doch schlussendlich miteinander zu verweben und kunstvoll zum Schluss zu vereinigen. Kein Zweifel, dieser Autor versteht sein Handwerk.

Leider gibt aber auch Kritik zu vermelden. Denn de Bernieres beschränkt sich nicht darauf, die Geschichten seiner Helden zu erzählen, er fühlt sich auch berufen, als Autor immer wieder Kommentare zur Geschichte der Zeit einzuflechten. Er ist davon überzeugt, dass es die nationalen Eiferer aller Couleur sind, die jenes verhängnisvolle Schlachten in Gang setzen, bei dem es auf keiner Seite ein Pardon gab. Als Mensch mag diese Meinung den Autor ehren, leider führt sie dazu, dass seine Geschichtslektionen alles andere als objektiv sind, in manchen Fällen sind sie einfache Geschichtsklitterungen.

Man kann darüber streiten, ob die osmanische Regierung wirklich vorhatte, alle Armenier umzubringen, oder ob dies nur von einem Minister ausging, man mag darüber streiten, ob überhaupt der Massenmord gewollt war, oder nur aus der bodenloser Unfähigkeit und Dummheit der "hohen Pforte" in Istanbul folgte.

Aber dass es die desertierenden Armenier waren, die die Niederlage gegen die Russen besiegelte, dass es die Armenier waren, die im Osten die Dörfer ausraubten und brandschatzten, dass den Armeniern also nur Recht geschah, das war zwar die offizielle Begründung der Regierung für den Massenmord, doch dafür gibt es nicht die geringsten Beweise. Die türkischen Truppen wurden von Istanbul mitten im Winter ohne Ausrüstung durch verschneite Berge zum Angriff auf die Russen gehetzt, drei Viertel der Soldaten überlebten diesen Wahnsinn nicht und der Rest, hungrig und halberfroren, zog als marodierende Banden durch die Osttürkei, raubte und plünderte und auch an anderen Fronten desertierten die Soldaten und wandten sich gegen die osmanische Herrschaft, gleich ob mohammedanische Araber und Kurden oder christliche Armenier.

Dass hier allen Ernstes die längst widerlegte Schutzbehauptung der Regierung Enver Hodschas als "Wahrheit" verkündet wird, ist so mehr als ärgerlich. Leider ist es nicht die einzige Unwahrheit, die de Bernieres an den Stellen verbreitet, an denen er als Autor seine Leser in die Geschichte einführen will. Dass die Russen und Rumänen 1877 dem osmanischen Reich den Krieg erklären, nach dem dieses in Bulgarien Tausende seiner politischen Gegner hat massakrieren lassen und Russland damit einen Vorwand für den Krieg liefert, schildert de Bernieres so, als hätten bulgarische Christen Mohammedaner massakriert (was zweifelsohne auch vorgekommen ist). Da stellt er ein leider völlig falsches Bild der Tatsachen vor und rechtfertigt auch noch Massenmorde dieser Regierung. Und ähnliches findet sich überall im Buch.

So sollte der Leser die historischen Anmerkungen und vor allem die "Tatsachenbehauptungen" des Autors tunlichst mit größter Vorsicht genießen. Gott sei Dank widmen sich die größten Teile der wirklich gekonnten Schilderung des Städtchens Eskibahçe und seiner Einwohner, die ohne es zu wollen in die Strudel der Kriege geraten. 1922 werden die Christen des Ortes nach Griechenland vertrieben und 1957 vertreibt ein Erdbeben den Rest. Wo einst Menschen lebten, stehen nun Ruinen, in denen nur noch Eidechsen wohnen.

Wer einmal ein Vorbild für das fiktive Städtchen dieses Romans sehen möchte, kann das tun. Kayaköyü (griechisch: Livissi) liegt zwischen Fethiye und Ölüdeniz und von beiden Orten werden Busfahrten angeboten. Auch in diesem Ort wurden die Christen 1922 vertrieben und 1957 wurde es nach einem schweren Erdbeben zur Geisterstadt. Im Internet lassen sich über Google oder Yahoo leicht Fotos finden und es gibt einen Film darüber (Stadt ohne Menschen, TR 1997).

Leseprobe

Über den Autor: Louis de Bernières wurde 1954 in London geboren und wuchs im Nahen Osten auf. Nach Lehr- und Wanderjahren in Lateinamerika lebt er heute als Schriftsteller in London. Mit dem Bestseller "Corellis Mandoline" gelang ihm der Durchbruch. Er gewann unter anderem den Commonwealth Writers Prize 1995 und wurde British Book Awards Autor des Jahres 1997.

Traum aus Stein und Federn, Louis de Bernieres, historischer Roman, S. Fischer, Januar 2005
Originaltitel: Birds without wings, aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
ISBN 3-10-007125-5, broschiert, 672 Seiten, Euro 19,90

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