Tommy Garcia und das Buch der Gaben. Roman.
Micha Rau, Verlag Ulmer Manuskripte 2002




Micha Rau wollte ein Buch schreiben, das er gerne als Junge gelesen hätte. Mit "Tommy Garcia und das Buch der Gaben" hat er sich diesen Wunsch erfüllt. Aber natürlich stimmt das nicht. Jeder, der das Buch liest, merkt sofort, dass der Autor einen Text geschrieben hat, den auch ein Erwachsener gerne lesen will. Nur das Erwachsene eben Ausreden brauchen, um statt nach Literatur nach einem Kinderbuch zu greifen.

Josef, der lieber Joe gerufen wird, hat äußerst langweilige Sommerferien vor sich. Sein bester Freund ist nach Bayern gezogen, die anderen Schulkameraden mit ihren Eltern fortgefahren und er hat außerdem noch ein schlechtes Zeugnis bekommen. Leise schleicht er sich an seiner Mutter vorbei auf sein Zimmer. Zusammen mit Lazy, dem faulsten Beagle der Welt, schaut er aus dem Fenster auf die Welfenallee, die so stinklangweilig ist, wie das ganze Viertel, in dem er wohnt.

Doch dann hält ein Auto vor ihrem Haus.

"Dieses Auto musste in einer Zeit entworfen worden sein, als Henry Ford noch lebte. Ich dachte, der Wagen könnte auch durchaus aus Amerika sein, denn er war unglaublich breit und lang. Die Seitentüren schienen aus Holz gemacht, ehrlich."

Dann öffnet sich die Hecktür. "Und da sprang was raus, wovon ich zuerst dachte, es sei ein riesiges Flummi. Aber es war eindeutig ein Hund! Ein augenscheinlich verrückter Kerl, denn er hopste und sprang auf die Straße, wieder zurück ins Auto und dann wieder auf die Straße. [...] Ich fand das richtig spannend. Wann kriegt man schon mal neue Nachbarn, die aussehen wie Schauspieler, ein Auto fahren wie Colombo und einen Hund haben, der nicht ganz dicht ist. [...] Den Jungen konnte ich schon besser erkennen, und als er seine Beine über den Rand des Kofferraums baumeln ließ und sich dann schließlich schwungvoll mit den Händen abstieß und mit einem Satz auf die Straße sprang, genau in diesem Augenblick wusste ich, der hat genau meine Wellenlänge."

Und damit fangen für Joe Sommerferien mit Tommy, Sanne und Janine an, die alles andere als langweilig sind. Eigentlich wollen sie nur ein Abrisshaus erkunden, am Ende der Welfenallee und direkt am Waldrand gelegen, aber das Haus hat keinen Eingang, keine Kellerfenster und auch keine Fenster im Erdgeschoss. Dafür entdecken die vier merkwürdige Ziffern, die Joe als Ascii Code identifiziert und dank derer sie das Haus betreten können. Auch im Innern ist es kein normales Haus, denn dort verbirgt sich eine andere Welt, die die Kinder durchwandern müssen, bis sie auf die Kammer des Wissens und zu dem Buch der Gaben gelangen.

Ideen und Personen (und Hunde!) purzeln lustig durcheinander, sorgen mit zahlreichen Einfällen für Spannung und zeigen einmal mehr, dass ein gutes Jugendbuch ein Buch ist, das auch Erwachsenen gefällt. Wer das Buch kauft (mit der Ausrede, es sei für seinen Sohn, die Nichte oder den Enkel) wird es erst mal selbst lesen.

Doch leider gibt es auch einen Wermutstropfen, der verhindert, dass aus einem spannenden Buch ein herausragendes geworden wäre. Tommy Garcia ist wie Pippi Langstrumpf und Harry Potter ein Kind, das vieles kann und weiß, was Kinder normalerweise nicht können. Altklug und belesen ist er, das gibt er selbst zu, doch leider führt das dazu, das er - anders als Pippi und Harry - im Laufe der Erzählung bald die Stimme eines Kindes verliert und wie ein Erwachsener zu sprechen beginnt. Noch dazu wie ein Erwachsener mit erhobenem Zeigefinger, der die anderen davor warnt, was sie tun dürfen und was nicht. Das macht ihn in der zweiten Hälfte des Buches manchmal schwer erträglich und gibt ihm die Rolle des Deus ex Machina, der alles weiß und dafür sorgt, dass die Kinder nie wirklich in Gefahr geraten oder Dummheiten machen. Und auch die erfrischende Erzählerstimme Joes, der am Anfang spricht wie ein Zwölfjähriger, verfällt in der zweiten Hälfte oft in den Tonfall eines Erwachsenen. Schade, ein gründliches Lektorat mit Überarbeitung hätte dieses Manko verhindern können und aus einem guten Buch ein hervorragendes gemacht.

Trotzdem lesenswert - für Erwachsene wie für Kinder etwa ab zwölf.

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