Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boon. Roman.
Mark Haddon, Blessing Verlag, Februar 2004


Ein toter Pudel in der Nacht

"Es war 7 Minuten nach Mitternacht. Der Hund lag mitten auf dem Rasen vor Mrs. Shears' Haus, und seine Augen waren geschlossen. Obwohl er auf der Seite lag, sah es aus, als würde er rennen, so wie Hunde rennen, wenn sie im Traum einer Katze nachjagen. Aber dieser Hund rannte weder noch war er am Schlafen. Er war tot. Eine Mistgabel ragte aus dem Fell hervor. Die Zinken mussten sich ganz durch den Hund bis in den Boden gebohrt haben, denn die Gabel stand senkrecht. Ich dachte mir, dass man den Hund wahrscheinlich mit der Mistgabel getötet hatte, denn andere Wunden waren an seinem Körper nicht zu sehen; und ich glaube, niemand würde eine Mistgabel in einen Hund rammen, wenn dieser schon an etwas anderem gestorben ist, zum Beispiel an Krebs oder durch einen Verkehrsunfall. Aber so richtig sicher war ich mir natürlich nicht.
Ich trat durch das Gartentor von Mrs. Shears und machte es hinter mir zu. Dann ging ich über den Rasen und kniete mich neben den Hund. Ich legte die Hand auf seine Schnauze. Sie war noch warm.
Der Hund hieß Wellington. Er gehörte Mrs. Shears, einer Freundin von uns."

Eigentlich mag Christopher keine Romane. Nur Krimis und besonders Sherlock Holmes. Und als er den toten Pudel der Nachbarin findet, beschließt er, den Mörder zu finden.

Das ist nicht einfach. Denn Christopher ist fünfzehn und autistisch, leidet an Asperger's Syndrom. Menschen sind ihm unheimlich, er liebt Zahlen, Hunde, die Farbe rot und hasst Gelb und Braun.

Dass Menschen ihm unheimlich sind, hat seinen Grund. Er versteht sie nicht. Sie machen Witze, Anspielungen, reden metaphorisch und ihr Gesichtsausdruck ist ihm ein Rätsel. Er findet sie bedrohlich. Christopher versteht nur, was er in Zahlen eindeutig ausdrücken kann. Er muss alles genau wissen. Dafür hat er ein perfektes Gedächtnis. Nur wenn zuviel auf ihn einstürmt, dann setzt sein Kopf aus wie ein Computer, der überlastet wird. Dann legt er sich auf den Boden und schreit.

Keine idealen Voraussetzungen für einen Detektiv. Und trotzdem ist Christopher erfolgreich, findet heraus, was niemand wissen sollte und entdeckt nebenbei die Welt der "Normalen". Verstehen kann er sie noch immer nicht so recht, aber wenigstens hat er am Schluß gelernt, sich in ihr zurecht zu finden. Sogar in der Ubahn kann er fahren. Nicht schlecht für jemand, der bisher nie weiter als bis zum Ende seiner Strasse gegangen ist.

Ein Buch über die Welt eines Autisten, eines Menschen, dem Gefühle fehlen oder der sie nicht versteht, nicht interpretieren kann. Ein Buch über eine ganz und gar fremde Welt und doch ein Lehrbuch darüber, das uns nahebringt, wieviel von dem, was wir für selbstverständlich halten, von außen geheimnisvoller als der Mond erscheint.

Und ein Held, der so ganz anders ist, als übliche Romanhelden und doch dem Leser ans Herz wächst. Unbedingt Lesen.

Leseprobe

Über den Autor: Mark Haddon wurde 1962 in Northhampton geboren und studierte Englisch in Oxford. Anschließend arbeitete er sechs Jahre mit geistig oder körperlich behinderten Menschen zusammen. Er schrieb bisher 15 Kinderbücher; für seine Drehbücher wurde er zweimal mit dem renommierten BAFTA-Preis ausgezeichnet. "Supergute Tage oder Die Sonderbare Welt des Christopher Boone" ist sein erster Roman. Er lebt mit seiner Frau in Oxford.

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boon, Mark Haddon, Roman, Februar 2004, Blessing Verlag
Originaltitel: The Curious Incident of the dog in the nighttime, übersetzt von Sabine Hübner
ISBN: 3896672282, gebunden, 288 Seiten, Euro 18

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