Sturmwelten. Fantasy.
Christoph Hardebusch, Heyne, März 2008




»„Du bist so’n Bursche aus der alten Welt, was? Ehre, pah!“, ereiferte sich der Bärtige und spie auf den Boden. Die Bedrohung ließ vor Jaquentos Augen alles klar und deutlich werden: Der Rauch in der Luft lichtete sich, und die Details seiner Umgebung traten geradezu schmerzhaft deutlich hervor. Die Kratzer im Metall der Pistole, die dichten Bartstoppeln des Mannes, der Tropfen Schweiß, der seine Schläfe hinablief. Die Gesichter der anderen Gäste, in Erwartung des Blutvergießens auf das Paar gerichtet. Jacquento hatte das Gefühl, durch die Augen der anderen direkt in ihren Geist blicken zu können. Er sah Freude, Belustigung, Mitgefühl und Desinteresse; er sah jegliche menschliche Regung, alles versammelt in diesem kleinen Raum. In diesem Raum, in dem er sterben würde, wie die gnadenlosen Augen des Bärtigen ihm versprachen.«

Jacquento ist ein hiscadischer Adliger auf der Flucht. Er hat seine Heimat, den alten Kontinent, verlassen, um auf den Inseln der Sturmwelt Zuflucht zu suchen.

Dort begegnet er Rahel und Kapitän Deguay, die ihn einfach nach einem Zechgelage auf ihr Schiff, die Todsünde, verschleppen. Freiwillig, wie sie immer betonen, er dürfe jederzeit gehen. Doch das werde er nicht, denn er habe die See im Blut.

Die Todsünde ist ein Kaperschiff. Manche nennen so was Piraterie, doch Kapitän Deguay hält auf Formen.

Roxane hält auch auf Formen. Sie muss, denn sie ist gerade zum Leutnant der Marine Thaynrics befördert worden und tritt ihre erste Stelle auf der Fregatte Mantikor an. Die segelt ebenfalls zu den Sturminseln. Da der Marine wegen der jahrzehntelangen Kriege die Offiziere auszugehen drohten, nimmt sie jetzt auch Frauen auf. Widerwillig, versteht sich.

Majagua wurde auf eine Insel der Sturmwelt verschleppt. Als Sklave, ein Schicksal, das er nicht akzeptieren will. Irgendwann wird er fliehen. Oder die Sklaven befreien. Oder beides.

„Schafsjunge“ nennt ihn die Küchensklavin Sinao. Wer sich auflehnt, hängt bald an dem Galgen des Forts, dessen Kanonen über die Sklavenquartiere wachen. Obwohl Sklaverei neuerdings verboten ist, aber hier, auf der Insel kümmert das niemand. Hier herrscht Tangye, der Vertreter der Compagnie, die ihre eigenen Truppen hat und ein eigenes Recht.

Vergessen sollten wir auch nicht den Dichter Franigo. Der erzielt erste Erfolge, lebt in Corbane, der größten Landmacht des Kontinents und weiß, wie man Karriere macht. Man schafft sich adlige Gönner und bald kann man sich kleiden wie sie, leidet nicht mehr Hunger wie die Veteranen der endlosen Kriege und kann verächtlich auf die Bettler herabschauen, die vor den Palästen des Adels um Brot betteln. Doch dann dichtet er einmal zu viel, nämlich ein Spottgedicht auf Adel und König, das viel erfolgreicher ist, als er geahnt hatte ...

Christoph Hardebusch hat schon in seinem Buch „Die Trolle“ bewiesen, dass Fantasy weit mehr kann, als immer nur den Herrn der Ringe neu zu erzählen. Dass es weit mehr Welten gibt, außer keltischen Sagen und einem gefühlten Mittelalter. Hier hat er sich die Zeit der Aufklärung und Revolution als Vorlage genommen, 1750-1815.

„Hornblower“ kommt da dem Leser in den Sinn, „die Schatzinsel“, aber auch Lion Feuchtwangers großartige und fast vergessene Triologie „Die Füchse im Weinberg“. Frankreichs Absolutismus, die Karibik, der Kaiser von Haiti, Freibeuter und Offiziere, Linienschiffe, Manufakturen und Wissenschaft. Kanonen statt den sonst so gängigen Schwertern.

Der Autor schreibt daraus eine atemberaubende Geschichte, kopiert seine Vorlagen nicht einfach, sondern mixt aus ihnen ein ganz neues Werk, das den Leser in Atem hält. Erstaunlich, denn er ist keiner von der hektischen Sorte, oft erzählt er ruhig, langsam, gibt Personen und Hintergrund Raum, das wir sie vor uns stehen sehen, uns den Schweiß von der Stirn wischen, wenn wir die brutale Enge auf einem Kriegsschiff spüren und die Nase zuhalten, wegen dem Geruch der vielen Menschen.

Kriegsrecht und eine Disziplin, die jedem von uns, die wir alle Kinder von 68 sind, fremd erscheint, doch der Autor bringt sie uns näher, ohne sie zu verherrlichen. Die Faszination und gleichzeitig die Fremdheit der Zeit werden lebendig. Und die Erkenntnis, dass das nur zweihundert Jahre zurückliegt. Als die ersten Fabriken entstanden, eine erste Globalisierung der Welt der erfolgte.

Doch nicht ganz, denn in den Sturmwelten gibt es, anders als um 1800, echte Magie, Magier die sie beherrschen und studieren, denn auch Magie gehorcht Gesetzen. Daneben Caserdotes, wie sich die örtlichen Priester der Einheit nennen, deren Aufgabe es ist, Magie abzuwenden.

Selten hat mich ein Roman so gefesselt. In Sturmwelten stimmt einfach alles, der Hintergrund, die Figuren, die Handlung wie der Stil, in dem sie geschrieben wurde. Dass die ersten vier Seiten, der Prolog, damit verglichen abfallen, weil sie sich sehr an übliche Fantasy-Prologe klammern, sei gesagt, ist aber unwichtig.

Und das Buch ist ein Beweis dafür, dass Fantasy weit mehr ist, als Sword and Sorcery; dass es genug Zeiten neben dem englischen Mittelalter gibt, aus denen ein Autor schöpfen kann, dass es nicht immer die gleichen Geschichten sein müssen. Starköche und Spitzenautoren haben eben etwas gemeinsam: Sie können aus bekannten Zutaten ganz neue Gerichte mixen. Auch ein Beweis, dass Verlage durchaus nicht immer das gleiche drucken müssen, um ihr Geld zu verdienen. Denn dieses Buch wird seinen Weg machen, da bin ich mir sicher. Hoffentlich ist es vielen anderen Autoren – und allen Verlagen! - ein Vorbild, nicht in dem Sinne, dass sie es kopieren, sondern darin, dass sich das Wagnis lohnt, neue Stoffe, neue Zeiten ausfindig zu machen.

Fazit: Farbiger Abenteuerroman mit lebendigen Figuren, ungewöhnlichem Hintergrund und unbedingt lesenswert!

Leseprobe
Autorenhomepage

Sturmwelten, Christoph Hardebusch, Fantasy, Heyne, März 2008
ISBN-10: 3453523857, ISBN-13: 978-3453523852, TB, 720 Seiten, Euro 13,00

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