Die Stimmen des Flusses. Roman.
Jaume Cabré, Suhrkamp, Dezember 2008

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»Ein kaum merkliches Geräusch an der Tür, eine sachte Berührung. Lautlos schwang sie auf, und eine behandschuhte Hand griff nach dem Knauf an der Innenseite, um ihn am Zurückschnappen zu hindern. Die Tür schloß mit einem leisen Ächzen. Eine dunkle Gestalt schlich durch die dunkle Wohnung, schweigend verfolgt von Juris an die Finsternis gewöhnten Augen. Der Eindringling betrat das Arbeitszimmer und fluchte leise, als er die hochgezogene Jalousie sah.«

Die alte Schule von Torena in den spanischen Pyrenäen wird abgerissen. Die Lehrerin Tina Bros soll noch einmal schauen, ob man in dem alten Gerümpel etwas für die Ausstellung "Wandel der Lehrmittel im Laufe der Zeit" finden kann. Was sie findet, ist kein Lehrmittel, sondern ein Geheimfach hinter der Tafel mit Tagebüchern aus den Jahren nach dem spanischen Bürgerkrieg.

Die stammen von dem damaligen Dorfschullehrer José Oriol Fontelles Grau. Der war ein Faschist, eine Straße wurde nach ihm im Dorf benannt, die Dörfler glauben, dass er einen seiner Schüler verraten habe und an der Erschiessung des Vierzehnjährigen Schuld sei. Als Spanien eine Demokratie wird, verwandelt sich der Strassenname wieder in den alten katalanischen. Dafür betreibt die katholische Kirche die Seligsprechung des Faschisten.

Doch in den Tagebüchern beteuert der Lehrer verzweifelt, er sei kein Faschist gewesen. Er habe mit dem Maquis zusammengearbeitet, der in Frankreich und Spanien gegen die Faschisten kämpfte. Der zweite Weltkrieg tobt noch in Europa und das kleine katalanische Dorf bleibt davon nicht unberührt.

Die Tagebücher sind für die Tochter des Lehrers, die er nie kennen lernen durfte. Seine Frau verließ ihn, als es hieß, dass er seinen Schüler habe erschießen lassen. In den Tagebüchern rechtfertigt er sich.

In grandiosen Vor- und Rückblenden verwebt der Autor eine Geschichte voller Täuschungen, unerwarteten Wendungen; von Rache, Bürgerkrieg und Mord. Die Großgrundbesitzerin Elisenda Vilabru, deren Bruder und Vater bei Beginn des Krieges von Anarchisten hingerichtet wird und die nun nach dem Krieg auf Rache sinnt. Sie setzt den neuen Bürgermeister ein, ein Vieh, das alle Katalanen hasst, das auch Kinder hinrichten lässt.

Langsam, Stück für Stück, deckt Cabre seine Geschichte auf. Die Ereignisse von damals und wie sie die Gegenwart bestimmen. Ein meisterhaftes Buch, gleichermaßen spannend wie literarisch, gut zu lesen und eine Geschichtslektion über den spanischen Bürgerkrieg.

Eines der Bücher, über das sich nur sagen lässt: Lesen!

Leseprobe

Die Stimmen des Flusses, Roman, Jaume Cabré, Suhrkamp, Dezember 2008
ISBN-13: 3518460498, gebunden, 667 Seiten, Euro 9,90

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