Die Stille ist ein Geräusch. Roman.
Juli Zeh, Goldmann 2003




"Ich will sehen, ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, an den man fahren kann, oder ob es zusammen mit der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist."
Wie so oft, ist das, wohin man kommt, nicht das was man erwartet. "Und wieder einmal hab ich's doch geglaubt, nämlich, dass Tuzla hässlich sei. Und wieder einmal schmerzt die Schönheit efeubewachsener Gemäuer, wieder einmal flanieren Massen lächelnder Menschen."
Juli Zeh fährt 2001 nur mit ihrem Hund nach Bosnien. Alle warnen sie, diese Reise ist gefährlich. Bosnien ist kein Ort, an den man fahren kann. Wie wahr. Schon die Abfahrt am Busbahnhof in Zagreb gestaltet sich schwierig. Hunde sind im Bus nicht erlaubt, der Bestechungsversuch scheitert. "Jeder weiß, auf dem Balkan gibt es Probleme mit der Korruption."
Mit Hilfe einiger Frauen, die den Busfahrer ablenken, gelingt es ihr, den Hund in den nächsten Bus zu schmuggeln und unter dem Sitz zu verstecken.
Sie findet eine schmerzhaft-schöne Landschaft, glühende Hitze, wilde Feigen zum Abwinken, selbst in Sarajevo Stadtteile, die immer noch Orient und Okzident in einem zeigen.
Nicht dass der Krieg nicht stattgefunden hätte, dass es keine zerschossenen Häuser, keine gesprengten Brücken, keine Warnungen vor Minenfeldern gäbe. Die verschiedenen internationalen Organisationen, jede mit anderem Auftrag und als ein Waldbrand ausbricht, weiß niemand, wer für's Löschen zuständig ist und ob derartiges durch ihren Auftrag gedeckt ist.
Aber daneben Menschen, die so normal scheinen. Eine weibliche Dj in Tuzla. Und die Autorin versucht gar nicht erst, eine weitere Erklärung für den Krieg zu finden. Sie erzählt von ihrer Reise, von dem, was sie sieht und von dem, was ihr Journalisten, Balkanhelden nennt sie sie, erzählen, die alles durch die Balkanbrille sehen und melden, was man daheim lesen will.
Juli Zeh hat einen Reisebericht geschrieben, der beunruhigend direkt ist und mich ahnen lässt, wie verdammt nahe Hass und Normalität, extreme Grausamkeit und Freundlichkeit liegen können - überall auf dieser Welt.
Wambaugh, Krimiautor und zwanzig Jahre Cop in San Diego hat es mal auf den Punkt gebracht: Polizisten sind Zyniker, nicht weil sie mit besonders schlimmen Menschen zu tun haben, sondern mit normalen Menschen in ihren schlimmsten Momenten.
Aber das wäre nur ein neuer Erklärungsversuch von mir und die Autorin hat gut daran getan, erst gar keinen zu versuchen. Sie hat die Balkanbrille zu Hause gelassen und deshalb mehr gesehen als mancher andere.

Über die Autorin: Juli Zeh gewann mit ihrem Roman "Adler und Engel" 2001 den Preis für den besten Debütroman und 2003 den Ernst Toller Preis. Die Stille ist ein Geräusch ist ihr zweites Buch.

Juli Zeh, Die Stille ist ein Geräusch, broschiert, 263 Seiten, btb/Goldmann Vlg.
erschienen Oktober 2003
ISBN: 3442731046, Preis: 8 €

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