Der Spiegel der Königin. Historischer Jugendroman - ab 12.
Nina Blazon, Ravensburger, Februar 2006


Ich liebe den Sturm

""Was hast du hier verloren?", zischte er sie an. "Na warte, wenn Greta dich in die Finger bekommt!" Elin stemmte sich gegen den harten Griff, zog das linke Knie an den Körper und trat Olof gegen das Schienbein. Sein Aufschrei gellte ihr noch im Ohr, als sie sich längst aufgerappelt hatte und zur Treppe floh. Aber sie hatte nicht mit seiner Schnelligkeit gerechnet. Kurz vor der Treppe erreichte er sie und packte sie am Kragen. Elin wirbelte herum. Der Stoff ihrer Jacke würgte sie, aber es gelang ihr, sich unter Olofs Arm umzudrehen und sich aus dem Griff zu winden. Wenn er sich nicht die Finger verdrehen wollte, musste er sie loslassen. Plötzlich erstarrte der Tischdiener.
"Was hast du da?" Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die goldene Kette an, die zwischen ihren Fingern hervorbaumelte. "Das Medaillon! Du hast es also gestohlen!""

Auf Schwedens Thron regiert die Königin Christine, die Tochter Gustav Adolfs. Im Ausland und in Schweden zerreißt man sich über sie das Maul. Sie sei gar keine Frau, sondern ein Mann, heißt es. Jedenfalls reitet sie wie ein Mann, liebt die Jagd und hat sie nicht ein Verhältnis mit der Hofdame Ebba Sparre?
Elin würde diese Königin zu gerne kennen lernen. Doch die beiden trennen Welten. Elin arbeitet in der Schloßküche als Magd, sie ist Waise, ihr Vater ein Soldat, der im dreißigjährigen Krieg gefallen ist, über ihre Mutter weiß man nichts. Sicher eine Lagerhure, behaupten alle.
Da verliert Ebba Sparre ihr Medaillon. Der ganze Hofstaat muss ausschwärmen, es zu suchen. Und Elin findet es. Sofort behauptet der Tischdiener Olof: "Du hast es also gestohlen!" Doch die Königin pflegt immer alle Seiten anzuhören und Elin kann den Vorwurf entkräften. Für Elin beginnt ein neues Leben, denn die Königin nimmt sie in ihren Hofstaat auf.
So erlebt sie die Intrigen am Hof. Die Adeligen und Offiziere hintertreiben Christines Bemühungen um Frieden, sie wollen nicht, dass der Krieg, der jetzt schon dreißig Jahre tobt, ein Ende findet. Der Königin fesseln der politische Erwägungen und Zwänge die Hände und selbst sie, die keine Angst hat, anzuecken, kann sie nur manchmal befreien.
Obendrein will sie nicht heiraten will; auch dem Mann, mit dem sie sich mit siebzehn verlobte und den sie jetzt zum Thronfolger macht, verweigert sie die Ehe.
Nina Blazon stellt dem Leser eine wenig bekannte, aber faszinierende Barockfigur vor, eine Frau, die nicht heiratet, die als Königin eine Großmacht regiert, dann aber zurücktritt und zum Katholizismus übertritt. Das Buch ist spannend, die Figuren sorgfältig gezeichnet und sie nimmt die Leser mit auf eine Reise in das siebzehnte Jahrhundert am Ende des dreißigjährigen Krieges.
Obendrein wird deutlich, wie viel die Autorin dazugelernt hat seit ihrem Erstling "Im Banne des Fluchträgers", mit dem sie den Hohlbeinpreis gewann. Was dort manchmal das Lesevergnügen noch störte, die Häufung von Adjektiven, das Gefühl, dass die Autorin nicht weiß, wohin sie mit ihrer Geschichte möchte, all das findet sich hier nicht mehr. Sie hat ihr Schreiben weiterentwickelt und hat sich nicht wie manch anderer auf ihren Lorbeeren ausgeruht.

Fazit: historischer Roman um eine der schillerndsten Barockfiguren, für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen geeignet.

Leseprobe
Homepage der Autorin

Über die Autorin: Nina Blazon wurde 1969 in Koper/Kroatien geboren, wuchs in Neu-Ulm auf und studierte in Würzburg Slavistik und Germanistik. Während des Studium begann sie Theaterstücke und Kurzgeschichten zu schreiben, 2003 gewann sie mit dem Fantasy-Jugendroman "Im Bann des Fluchträgers" den Wolfgang-Hohlbein-Preis, 2004 den deutschen Phantastik Preis, Kategorie "Debüt National". Sie lebt mit ihrem Mann als Journalistin, Übersetzerin und Werbetexterin in Stuttgart.

Der Spiegel der Königin, Nina Blazon, Jugendroman, Ravensburger, Februar 2006
ISBN 3-473-35257-8, gebunden, 347 Seiten, Euro 14,95

Das Buch bei Amazon

Weitere Rezensionen von Hans Peter Röntgen

zurück

Für alle Rezensionen gilt: by Hans Peter Röntgen - WebSite - Kontakt
Alle Rechte vorbehalten - All rights reserved