Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller. Schreibratgeber.
Josef Haslinger/Hans-Ulrich Treichel (Herausgeber), Suhrkamp Februar 2005


Das deutsche Literaturinstitut meldet

"Manchmal, wenn meine Tätigkeit am Deutschen Literaturinstitut Leipzig zur Sprache kommt, werde ich mit ironischem Unterton gefragt: Wo haben eigentlich Sie schreiben gelernt? Und ich antworte: Bei Gustav Ernst. Und dann werde ich verwundert angesehen, weil Gustav Ernst nicht zu den bekanntesten Autoren zählt und man offenbar davon ausgeht, dass man nur bei Autoren mit großen Namen etwas lernen kann. Doch ich beharre auf dieser Antwort, denn ich habe von Gustav Ernst mehr gelernt als von allen anderen Autoren."

Seit zehn Jahren kann man am deutschen Literaturinstitut Leipzig schreiben lernen. Grund genug, einmal Bilanz zu ziehen, Erfahrungen und Probleme mit dem Studium zu diskutieren. Dreizehn Autorinnen und Autoren haben dazu Beiträge geschrieben.

Goethe und Schiller hatten das Schreiben nicht studiert, ist einer der häufigsten und gleichzeitig dämlichsten Vorwürfe derer, die fest davon überzeugt sind, dass man zwar Musik und Medizin, Bildhauerei und Informatik, möglicherweise sogar Literaturwissenschaften studieren könne, aber auf keinen Fall das Schreiben. Richtig ist, dass Schiller, Goethe und zahlreiche andere Autoren das Schreiben nicht studiert haben. Aber die Beiden hatten auch keinen Duden, keine Rechtschreibregeln, keine Synonymwörterbücher und keine PCs. Niemand folgert daraus, dass auch nur eines dieser Dinge heute für einen Schriftsteller überflüssig, ja schädlich sei.

Und wenn sie es auch nicht studiert hatten, gelernt hatten sie es dennoch. Es gibt eben verschiedene Wege, Schreiben zu lernen, mit einem fertigen Faust in der Hand ist Goethe nicht auf die Welt gekommen.

Josef Haslinger schildert in seinem Beitrag "Warum Creative Writing" seine eigenen Lehrjahre. Ein ebenso anschauliches wie lebendiges Plädoyer dafür, dass auch ein Schriftsteller sein Handwerk lernt und lernen muss.

In "Genie in der Schulbank" diskutiert Burkhard Spinnen die praktischen Möglichkeiten, aber auch Grenzen, Schreiben zu lehren. Kein Zweifel, jeder Satz hier verrät, dass Spinnen sich auskennt mit dem, worüber er schreibt. "Ganz im Vordergrund steht für mich die Absicht, den Blick des Autors auf seinen eigenen Text zu schulen", sagt er und fasst damit zusammen, was vielleicht banal scheint, es in Deutschland aber (leider) nicht ist.

Am Schluss fügt er noch ein praktisches Beispiel an, "Silberfische", ein Text, der in zwei Versionen vorgestellt wird. Wenig wurde geändert, nur die Erzählerstimme wechselte vom persönlichen "Ich" zum allgemeinen "Man". Doch der Text klingt jetzt beim Lesen plötzlich ganz anders, ein Beweis, wie wichtig und wirksam es ist, sich mit dem Handwerk auszukennen und es zu nutzen.

Über das eine oder andere in Spinnens Artikel könnte man streiten. Etwa darüber, ob eine Schreibwerkstatt dem Autor nicht doch bei der Erfindung seiner Geschichte Hilfestellung leisten kann. Es gibt schließlich einige Techniken, die "Hindernisse" bei der Geburt eines Textes beseitigen können. So mancher schreibt nicht auf, was in ihm steckt, "das ist Kitsch", "so was kann man heute nicht mehr schreiben", "wen interessiert das schon", so klingen die Stimmen, die ihn abhalten, zu schreiben, was er schreiben könnte. Und dagegen gibt es meiner Meinung nach durchaus Methoden.

Wie gesagt, darüber könnte man diskutieren. Doch leider findet in dem Buch eine Diskussion nicht statt. Obwohl die beteiligten Autoren jahrelang am gleichen Institut mit den gleichen Studenten gearbeitet haben, geht keiner darauf ein, was der andere schreibt. Schade.

Juli Zeh beschreibt in "Die Heimlichkeit des Schreibens" ebenso witzig wie gekonnt ihre höchst eigene Schreibmethode, die sich gegen ihren Willen durchgesetzt hat. Eine Bauchschreiberin wie Stephen King und so manch anderer Autor und Autorin. Anders als King erhebt sie aber ihre Methode nicht zu einzig möglichen, sie schildert sie einfach. Zweifellos werden sich jetzt viele ebenfalls zu Bauchschreibern erklären, die es nicht sind, nur weil sie ihre Texte nicht strukturieren können oder wollen. Doch das ist nicht Zeh vorzuwerfen.

In vielen Beiträgen kommen Schreibratgeber vor. Eigentlich sind es nur zwei, "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" und "Garantiert schreiben lernen" heißen sie. Natürlich sind solche Ratgeber abgrundtief schlecht, da sind sich alle einig, obwohl ich stark bezweifle, dass auch nur einer sie gelesen hat. Denn in dieser Ablehnung taucht noch mal das gute, alte Vorurteil auf, man könne Schreiben nicht lehren.

Hans-Ulrich Treichel widmet sich ein wenig diesen Ratgebern, findet dort die kuriosesten Ratschläge (welche, verrät er uns nicht), stellt erstaunt fest, dass die Methode in "Garantiert Schreiben Lernen" bei manchen hilft und bei manchen eben auch nicht. Was hat er erwartet? Die Methode, die für alle Autoren gilt, egal, ob erfahren oder Frischling, die bei allen Problemen hilft, beim Plotten genauso wie bei der Überarbeitung, diese Methode gibt es sowenig wie den Stein der Weisen, sowenig wie eine Medizin, die alle Krankheiten heilt. Daraus zu folgern, dass Medizin überhaupt überflüssig und unsinnig ist, ist aber genauso falsch. Obendrein stammt der Titel "Garantiert Schreiben Lernen" nicht von der Autorin, wie Treichel suggeriert, nicht mal von den bösen, marktschreierischen Amerikanern, sondern von dem literarisch angesehenen Rowohl Verlag, der auch garantiert, Malen, Fotografieren und manch anderes zu lernen. Der amerikanische Titel heißt sehr viel prosaischer und realistischer "Writing the natural way", wie jeder leicht nachlesen kann.

Der einzige, der den pauschal-abfälligen Blick über alle Schreibratgeber nicht teilt, ist auch der einzige nichtdeutsche Autor: Kristof Magnusson. Der schildert nicht nur anschaulich den Werdegang in den Seminaren, ihren Diskussionsverlauf und was das ganze "bringt". Ebenso pragmatisch und realistisch räumt er mit dem alten Vorurteil auf, das Dogmatiker und Feinde der Schreibratgeber eint. Regeln sind eben keine Patentrezepte, sondern Wegweiser. Man muss ihnen nicht nachlaufen, aber man kann. Doch wenn man einen anderen Weg einschlägt, sollte man wissen, was man tut.

Kein Zweifel, zur nächsten Party wird Magnusson nicht mehr eingeladen. In der deutschen Literaturschickeria ist es immer noch wichtiger, was jemand nicht liest, als das, was er liest.

Der Rest der Beiträge hält aber auch sonst nicht das Niveau von Haslinger, Spinnen, Zeh und Magnusson. In gedrechselten Sätzen wird dort räsoniert, niemand weiß so recht, über was, und bis auf die Drehbuch- und Dramenbeiträge ist mehr als einmal unklar, was das Ganze denn mit dem Studium in Leipzig zu tun hat. Praktische Erwägungen findet man nur ganz selten, dafür gibt es einen Beitrag, in dem der Autor es schafft, jedes seiner Werke mindestens einmal pro Seite zu erwähnen. Manchmal klingt die Sprache auch so bürokratisch, als solle hier die neue EU-Richtlinie "Was ist Literatur" entworfen werden.

Vielleicht war es aber auch ganz anders? Vielleicht gab es einen Drucktermin, die Maschinen liefen sich schon warm und die Herausgeber schwärmten aus, um den säumigen Autoren die scharf gespitzte Feder an die Halsschlagader zu drücken: "Text oder Leben"? Der eine oder andere Beitrag klingt so. Das Versprechen des Verlags "Entstanden ist kein ‚Ratgeber', sondern ein Bericht von ausgemachten Profis, die mit der Unterrichtspraxis vertraut sind und wissen, wo die Probleme derer liegen, die sich dem Schreiben anvertrauen wollen" erfüllt das Büchlein so leider nicht.

Schade. Denn das Literaturinstitut hätte besseres verdient.

Fazit: Ein Sammelband mit einigen guten, einigen durchschnittlichen und einigen schlechten Beiträgen, der dem Literaturinstitut leider nicht gerecht wird.

Leseprobe: keine Leseprobe
Homepage des deutschen Literaturinstituts Leipzig

Über das deutsche Literaturinstitut: Anders als in der Bundesrepublik wurde in der DDR Schreiben gelehrt und gelernt. Dazu gab es in Leipzig das Johannes R. Becher Institut. Natürlich sollte es vor allem systemkonforme Schriftsteller heranziehen, doch während zahlreiche bekannte Autoren mit Erfolg studierten, haperte es mit der "Linientreue" oft. 1990, kurz nach der Wende, löste die Landesregierung in Sachsen das Institut auf.
Aber zahlreiche Proteste von Schriftstellern und Künstlern führten dazu, dass 1995 daraus das Deutsche Literaturinstitut Leipzig entstand. Hans-Ulrich Treichel und Josef Haslinger sind seine Leiter.

Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller, Josef Haslinger/Hans-Ulrich Treichel (Herausgeber), Schreibratgeber, Suhrkamp, Februar 2005
ISBN 3518123955, gebunden, 209 Seiten, Euro 10,00

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