Das dunkle Schiff. Roman.
Sherko Fatah, Jung und Jung, Februar 2008

»Um diese Jahreszeit zogen die alten Frauen hinaus, um Heilkräuter zu sammeln. Sie wussten, wann sie für welches Gewächs an einen bestimmten Ort zu gehen hatten. Weit mußten sie nicht hinaufsteigen, nur auf die Hügel. Dort sah er sie, eine kleine Kolonne, die wie so oft schon den nie ganz überwucherten Pfaden folgte. Sie sprachen und lachten laut, hier draußen waren sie endlich ganz unter sich, für ein paar Stunden fern von Räumen und Regeln. Hätten sie umhergeschaut, auch ihnen wäre die Unberührbarkeit der wilden Gräser, der Dolden und der warmen Steine aufgefallen. Doch sie schwenkten ihre Körbe, und ihre farbenfrohen Gewänder wehten im Wind, sie waren zu sehr miteinander beschäftigt. Fast beneidete er sie darum, so selbstvergessen hineingestellt zu sein in den Tag, der wie ein riesiges, geöffnetes Fenster um sie stand. Er lief ihnen nach, als sie hinter den Hügeln verschwanden, nur einfach um sie weiterhin zu sehen, winzig, doch nicht verloren, und blieb auf dem Hügel stehen.«

Die Idylle wird nicht lange währen, die Frauen nicht mehr ihre Körbe schwenken. Wir sind im Grenzland zwischen Irak, Iran und Türkei und Kelim wächst in einer Kleinstadt am Rande der Berge auf. Sein Vater hat ein Restaurant, Kelim wird Koch. Saddam herrscht im Irak, doch in den Bergen hat sich schon eine kleine Enklave von Gotteskriegern gebildet.

Kelim, der Koch, gerät in ihre Fänge. Und folgt ihnen. Die Amerikaner kommen, die Gewalt eskaliert und eines Tages kann Kelim sich bei einer Operation einen großen Batzen Dollars sicheren. Ohne dass es die anderen merken. Er flieht zurück zu seiner Familie, doch auch dort ist er nicht sicher, das weiß er. Also flieht er weiter, zu einem Onkel in Berlin.

Doch auch dort lässt ihn seine Vergangenheit nicht los. Die Geborgenheit der Gemeinschaft der Gläubigen, die Fremde, die Vergangenheit; all das macht ihm zu schaffen.

Fatah hat mit einer selten eindrücklichen, bildhaften Sprache seine Geschichte erzählt, die Geschichte eines Jungen, eines Mannes, der selbst eigentlich nur in Frieden gelassen werden will. Kelim ist nicht einer, der handelt, der Dinge in Gang setzt. Das tun andere. Fatah erklärt uns auch nicht seinen Helden, er psychologiert nicht, Erklärungen überlässt er dem Leser. Er schildert. Das macht sein Buch so eindrücklich wie die Landschaft, in der es größtenteils spielt.

Die Geschichte eines Kochs, der in Fänge der Ereignisse gerät, sich der falschen Seite anschließt. Ob es hier eine richtige Seite gibt, darüber muss der Leser entscheiden.

Fazit: Ein Ausnahmebuch, das gleichermaßen durch Sprache wie durch die Figuren und die Geschichte packt, spannend wie ein Thriller, düster, drohend, archaisch wie die Berge.


Leseprobe

Das dunkle Schiff , Roman, Verlag, Februar 2008
ISBN-10: 390249736X, ISBN-13: 978-3902497369, gebunden, Seiten, 22,00 Euro

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