Im Schatten der Wächter. Jugendroman.
Graham Gardner, Verlag freies Geistesleben
2004



Macht, Gewalt und Verführung

"Es fing mit Kleinigkeiten an. Ein Tritt in seine Fersen, als er den Flur entlang lief. Ein Schlag auf den Hinterkopf im Klassenzimmer. Ein Hieb mit dem Ellenbogen, während er sich für den Sportunterricht umzog. Er versuchte diese Dinge nicht zu beachten, weil er glaubte, dass er es noch schlimmer machen würde, wenn er darauf reagierte.
Der Pegel der Gewalt stieg an. Die Tritte wurden fester, die Schläge schmerzhafter, die Hiebe häufiger. Er wusste nicht, warum man ihn auserwählt hatte. Vielleicht, weil er allein war."
Mit Elf kommt Elliot an eine neue Schule. Und bald ist er das Opfer für alle, die ihr Mütchen an Schwächeren kühlen wollen. Die Schule wird zur Hölle.
Als er die Schule erneut wechselt, nimmt er sich vor, dass ihm das nicht noch einmal passieren wird. Er wird einen neuen Elliot schaffen, einen, der cool ist, einen, den niemand verprügeln wird. Er kauft sich aus seinen Ersparnissen die richtigen Klamotten, studiert vor dem Spiegel ein unbeteiligtes Gesicht, lässt sich die Haare kurz schneiden und blond einfärben.
Elliots Rechnung geht auf. Auch an der neuen Schule werden schwache Schüler gequält. Aber Elliot gilt nicht als schwach. Im Gegenteil, seine Maskerade gelingt so gut, dass ihn die Bande, die "Wächter" genannt, in ihren Reihen aufnimmt. Elliot hat gewonnen.
Oder doch nicht? Denn als Mitglied muss er jetzt seinerseits andere quälen, um dazu zu gehören. Und erst ganz am Schluss erfährt er ...
Gardner schildert, wie Elliot ganz allmählich zum Teilhaber der Macht wird. Obwohl er es nicht will, aber er hat Angst. Und wer würde, vor die Wahl gestellt, Opfer oder Täter zu sein, die Opferrolle wählen, wenn sie einem das Leben zur Hölle macht?
Die meisten Bücher wissen, was richtig und falsch ist. Andere quälen, ist sicher nicht richtig. Das tun nur die Bösen, die Nazis, Diktatoren, Kommunisten, Mafiosi und wie sie alle heißen.
Doch Gardner macht es sich und den Lesern nicht so einfach. Er zeigt, wie jemand in ein verbrecherisches System hineingezogen wird, selbst daran teilnimmt - obwohl er es eigentlich gar nicht will - und scheinbar mitlaufen muss, weil das die einzige Alternative ist, die er sieht. Und wie sich Elliot verändert, sobald er an der Macht teil hat. Wer in einer solchen Situation anders gehandelt hätte, der werfe den ersten Stein.
Das Buch ist eine verstörende Chronik über Macht, Gewalt und Verführung. Ganz sicher nicht nur für Jugendliche ab zwölf, sondern auch für Erwachsene empfehlenswert.

Über den Autor: Graham Gardner schreibt, seit er acht Jahre alt ist. Mit neunzehn gewann er den zweiten Preis in einem Kurzgeschichtenwettbewerb. Er ist Assistent an der University of Wales im Fach Soziale und Politische Geografie.
"Im Schatten der Wächter" entstand mit einem Bild: "ein Junge von dreizehn, vierzehn schaut in einen Koffer auf dem Bett, in einem Zimmer mit leeren Wänden, entstand in meinem Kopf. Ich wusste - keine Ahnung woher - dass dieser Junge auf der Flucht war." Dies ist sein erster veröffentlichter Roman.

Im Schatten der Wächter, Graham Gardner, Verlag freies Geistesleben
Engl. Titel: Inventing Elliot, aus dem Englischen von Alexandra Ernst
ISBN 3-7725-2251-3, gebunden, 199 Seiten, 14,50 €

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