Ruhm. Roman in Geschichten.
Daniel Kehlmann, Rowohlt, Januar 2009


Ruhm

Neun Geschichten, jede mit einem anderen Protagonisten, einer anderen Erzählstimme, aber alle diese Hauptfiguren treten in den anderen Geschichten wieder als Nebenfiguren auf. Und auch der Plot der einen Geschichten wird ganz sicher in einer anderen dann aufgelöst werden. Die Perspektiven wechseln, was uns gerade noch sicher schien, schaut im nächsten Augenblick durch eine neue Brille gesehen ganz anders aus.

Mit Ruhm haben die Geschichten nur am Rande zu tun, der Titel ist auch von Kehlmann eher ironisch gemeint. Dafür viel mit Autoren. Einer, der Autor Leo, ist richtig berühmt. Außerdem ein Hypochonder, der überall Gefahren wittert. Den jede Unregelmäßigkeit des Lebens aus dem Takt bringt, nicht gerade lebenstauglich oder gar lebenserfahren, er wittert hinter den banalsten Ereignissen Katastrophen und Lebensgefahr. Ganz im Gegensatz zu seiner Freundin Elisabeth, die für internationale Hilfsorganisationen als Medizinerin tätig ist und weiß, was wirkliche Gefahr heißt.

Leo gießt dieses Wissen in Geschichten. Dass er sie so in Romanfiguren verwandelt, behagt Elisabeth gar nicht.

Mit Autoren kennt Kehlmann sich aus, mit dem Literaturbetrieb auch. Dieses Milieu, Kulturinstitutionen und deren Leiterinnen, Lesern, die immer wissen wollen, wo der Autor seine Ideen her nimmt und die erzählen müssen, wo sie das Buch gelesen haben, dieses Milieu kann er am besten schildern. Humorvoll, mit Selbstironie, ohne je pompös oder bösartig zu werden.

Aber je weiter die Figuren von diesem Milieu entfernt sind, desto blasser werden sie.

Techniker leben im Buch in einer fremden, unbekannten Welt, der Forentroll in "ein Beitrag zur Debatte" ist Klischee, dass es schlimmer gar nicht geht. Er schimpft sich nicht nur durch Foren, kompensiert damit sein gescheitertes Leben, sondern lebt auch mit vierzig noch bei Muttern, nix Frau, dafür dick, ungelenk, hat Körpergeruch, kann sich nicht ausdrücken, ist internetsüchtig und hat keinerlei echten sozialen Kontakte. Dass er keinen Fußschweiß hat, dürfte eher auf Vergesslichkeit des Autors als auf Plan beruhen.

Dementsprechend ist seine Sprache. Anglizismen benutzt er en masse, das gehört zum Typ. Dass diese Anglizismen aber beliebig im Text auftauchen, als seien sie aus dem englischen Lexikon per Zufallsgenerator ausgewählt und mit der Streusalzbüchse über den Text verteilt worden, stört denn doch. Der Stil dieser Erzählung ist dementsprechend artifiziell. Forentrolle reden anders.

Doch Kehlmanns ist ein so fähiger Autor, dass er auch das noch kompensieren kann. Was bei anderen zum Gähnen oder zum Lachen reizen würde, kann er immer noch in eine lesbare Geschichte verwandeln. Und wenn der Troll echten Kontakt zu dem Autor bekommt, dann klingt das Ganze plötzlich wieder sehr glaubhaft. Stalker und deren Verhalten kennt Kehlmann offensichtlich gut.

So ist ein Buch mit Erzählungen unterschiedlicher Güte entstanden, ein Blick vornehmlich auf die Buchszene und deren Eigentümlichkeiten und deshalb auch vor allem für die interessant, die diese kennen.

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