Von Ratlosen und Löwenherzen. Sachbuch.
Rebecca Gablé, Ehrenwirth, August 2008


»Die Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen nannten sich selbst der Einfachheit halber „Angelcynn“, was „Volk der Angeln“ heißt, und ihr Land „Engla-Land“, was, wie Sie sicher erraten haben, „Land der Angeln“ bedeutete.
Das führte zu einem ebenso drolligen wie folgenschweren Missverständnis: Als Papst Gregor der Große von diesem Land und diesem Volk hörte, war er überzeugt, der Name sei ein göttliches Zeichen, eine Aufforderung, diese Menschen zu missionieren und zu „Engeln Gottes“ zu machen. Also schickte er umgehend einen Mönch namens Augustin ins ferne Britannien, der dort 597 ankam. Augustin hatte das große Glück, dass er in Kent landete, denn es war das weltoffenste der sieben Königreiche, unterhielt aufgrund seiner Geografie engeren Kontakt zum Kontinent als seine Nachbarn, und die kentische Königin Bertha entstammte dem fränkischen Königshaus und war schon getauft. So wurde Augustin also nicht Wotan und Thor geopfert, sondern Berthas Gemahl Æthelbercht, der König von Kent, ließ sich zum neuen Glauben bekehren. Vielleicht aus Überzeugung. Vielleicht auch nur, damit Bertha endlich Ruhe gab. Das ist nicht überliefert.«

Tausend Jahre Mittelalter in England will die Autorin zahlreicher historischer Romane schildern, vom Ende der Römerzeit und Einmarsch der Angeln bis zum Ende der Rosenkriege. Löwenherzen und Hasenfüße, Ratlose und Gewitzte regierten das Land und vieles war nicht so, wie wir uns das Mittelalter vorstellen. Lange hat es gedauert, doch so finster, wie die Humanisten es nannten, war es nicht. Dafür aber sehr unterhaltsam – jedenfalls für die, die nur darüber lesen und nicht die Tollheiten mancher Herrscher erdulden mussten. Obwohl nicht alle furchtbar waren – wie heute gab es mittelmäßige, schlechte und geniale Politiker auf dem Thron. Manches liest sich wie die neueste Polit-Skandalstory der Bildzeitung. Rebecca Gablé erzählt es vergnüglich, mit Augenzwinkern, kann aber auch den roten Faden deutlich machen und die Motive hinter der Geschichte.

Natürlich kann niemand auf 230 Seiten tausend Jahre in allen Einzelheiten schildern. Das Alltagsleben der Engländer wird immer wieder angerissen, nimmt aber nur einen kleineren Raum des Buches ein. Die hohe Politik verlangt nun mal ihren Raum. Und sie ist gewiss auch abwechslungsreich genug. Von Eleanore , der unterhaltsamsten Skandalnudel, die je auf dem englischen Thron gesessen hat, dem Familienkrach mit ihrem königlichen Gemahl Henry bis hin zu dem Früchtchen John ohne Land. Robin Hood kommt nicht vor, er machte den Fehler, dass es ihn vermutlich nicht gab und wenn doch, kämpfte er nicht gegen John ohne Land.

Rebecca Gable jedenfalls hat ein Sachbuch geschrieben, das sich spannender liest, als so mancher historische Roman.

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Von Ratlosen und Löwenherzen, Rebecca Gablé, Sachbuch, Ehrenwirth, August 2008
ISBN-13: 978-3431037555, gebunden, 237 Seiten, Euro 19,95

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