Alles auf dem Rasen. Kein Roman.
Juli Zeh, Schöffling, Februar 2006


Großartige Essayistin

"Früher gab es Gregor. Auf die Frage, was er seinem Studium der Betriebswirtschaft abgewinnen könne, pflegte er zu antworten: Ich will eine goldene Kreditkarte mit meinem Namen darauf und einen Porsche 911 mit einer blonden Frau darin. Das Prinzip Gregor war in der kleinen Universitätsstadt stark vertreten: Seine Anhänger waren notorisch gut gekleidet und schon vor Markttauglichkeit des ersten Mobiltelefons in der Lage, jedes Caféhaus in das Büro einer Unternehmensberatung zu verwandeln, indem sie sich einfach nur hinsetzten. "

Juli Zeh zerbricht sich gerne den Kopf. Was dabei herausspringt, sind Essays, über Literatur und Politik, über das Schreiben, die Gesellschaft und - natürlich - das Recht. Was sie bisher für Spiegel, Taz, SZ, FAZ und Zeit geschrieben hat, findet sich jetzt in einem Sammelband mit einigen bisher unveröffentlichten Texten.

Die Autorin ist keine, die "j'accuse" ruft, mit gefühlsbebender Stimme Missstände anklagt, wie man das von Autoren erwartet, wenn sie sich zu Politik und Gesellschaft äußern. Aber in einer Zeit, in der Redakteure allüberall Empörung und Erregung verbreiten, Gefühle, so echt wie das Tomatenketchup-Blut in alten Western, sicher kein Nachteil. Dafür rechnet sie uns die Widersprüche unserer Weltsicht vor, die dunklen Flecken in der öffentlichen Wahrnehmung; das, was gerne übersehen wird, weil so es gar nicht in den aktuellen Diskussionskanon passt.

Ob es die Erwartungshaltung von Medien und Wählern ist, die Wirtschaft "in den Griff" zu kriegen und die Versprechungen der Politiker, "das" zu regeln; ob es das Literaturstudium in Leipzig ist, das angeblich zu junge Schriftsteller hervorbringt; ob es die Rollenklischees "moderner Frauen" in der Presse sind, interessant ist es immer.

Mit wie viel Jahren hatte Goethe seinen Werther geschrieben? Mitte Zwanzig war er da. Schiller war zweiundzwanzig, als er die Räuber vollendete. Viel zu jung für einen ernstzunehmenden Autor, würden viele Kulturredakteure heute sagen.

So ist ein Buch entstanden aus zahlreichen Artikeln, gut lesbar und doch schwere Kost, was den Inhalt angeht. Ein Buch zum Nachdenken.

Manchmal merkt man einigen Artikeln an, dass die Autorin bewusst einen natürlichen Aufhänger konstruieren wollte; vor allem dort, wo sie ihren Freund und Filosofen F. bemüht. Das wirkt dann ein bisschen hausbacken. Der Lesefreude tut es dennoch keinen Abbruch, hausbacken ist der Inhalt nämlich nie.

Fazit: Eine Fundgrube für alle, die Essays, Diskussionen und fundiertes Nachdenken lieben, eine Fundgrube, die ihre Qualität und Intelligenz aus dem Inhalt und nicht aus einer verquasten Sprache, gespielter Empörung oder möglichst origineller Skurrilität zieht.

Leseprobe
Homepage der Autorin

Über die Autorin: Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren, studierte in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut und gleichzeitig Jura. Sie lebt heute in Leipzig. Ihr Roman Adler und Engel (2001) wurde zu einem Welterfolg und ist mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt. Sie erhielt u.a. den Deutschen Bücherpreis (2002), den Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003) und dem Per Olov Enquist-Preis (2005).

Alles auf dem Rasen, Juli Zeh, kein Roman, Schöffling, Februar 2006
ISBN 3895610593, gebunden, 296 Seiten, Euro 19,90

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