Für die RAF war er das System, für mich der Vater. Sachbuch.
Anne Siemens, Piper, September 2008


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Anne Siemens hat Angehörige der Opfer der RAF befragt und wollte ihnen eine Stimme geben. Die Ehefrau Pontos, der Sohn Schleyers, die Stewardess aus der entführten Lufthansa Maschine, die Kinder der in Stockholm erschossenen Geiseln.

Das gelingt ihr zum Teil, aber auch nur zum Teil.

Der Sohn Schleyers schildert, dass gerade die Auseinandersetzung mit dessen Rolle im dritten Reich ihm den Vater näherbrachte, der vorher, wie die meisten seiner Generation, den Kindern nicht nahe war. Und offenbar hat er sich privat durchaus der Auseinandersetzung gestellt, zum Beispiel dazu, dass er versucht hat, jüdische Bundesbrüder aus seiner Burschenschaft auszuschließen, ein Ansinnen, das - erstaunlicherweise - auf Widerstand der alten Herren stieß. Dieser Beitrag ist einer der besten im Buch, gerade, weil sich die RAF aus der fehlende Auseinandersetzung mit dem dritten Reich legitimieren wollte. Schade, dass dieser Artikel nicht länger war, schade auch, dass Schleyer diese Auseinandersetzung vor seinem Tode nicht auch öffentlich geführt hat.

Die Stewardess und der Copilot der Landshut, die 1977 nach Mogadischu entführt wurden, schildert die Situation an Bord der Maschine, die Unsicherheit, dass kein Land - nicht mal der damals kommunistische Südjemen - der Maschine eine Landeerlaubnis geben wollte, die Angst an Bord, den Terror durch die vier Entführer.

Doch viele Opfer werden gar nicht lebendig. Dass der Vater Verständnis für das Aufbegehren der Jugend Ende der Sechziger Jahre hatte, aber keines für das Abrutschen in die Gewaltätigkeit taucht in vielen Artikeln auf, bleibt aber, weil es sich so oft wiederholt, blass. Verständlich, wer will schon alle Einzelheiten der Vaterbeziehung in der Öffentlichkeit bekannt geben. Schlimm genug, dass durch Anschläge das eigene Leben plötzlich öffentlich wurde.

Leider führt das aber auch dazu, dass in vielen Fällen die Opfer blass bleiben und die Morde selbst (und damit die Mörder) weiter im Vordergrund stehen.

Viele der Angehörigen wollten, verständlich, auch gar nicht reden, vor allem natürlich die, die als Polizisten und Leibwächter "nur" in Nebensätzen vorkamen.

So ist dieses Buch ein notwendiges über die RAF und zeigt gleichzeitig, wie schwer es ist, den Opfern eine Stimme zu verschaffen. Wie schnell das Interesse sich selbst hier wieder Taten und Tätern zuwendet. Der Mörder, das war schon immer so, interessiert mehr als das Opfer.

Für die RAF war er das System, für mich der Vater, Sachbuch, Anne Siemens, Piper,
März 2007, ISBN-13: 978-3492252638, HC, 304 Seiten, Euro 19,90

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