Radio Nights.
Roman
Tom Liehr, Aufbau 2003



Nachtratten

Donald Kunze ist ein arrogantes Arschloch, aber seine Stimme schlägt Menschen in Bann. Wenn er zwischen Mitternacht und fünf Uhr Morgens '‚Nachtratten' moderiert, hört ihm zu, was in Berlin noch wach ist. Radio und Berlin, das ist 'Don FM' Kunzes Leben. Doch ein Vögler, der beim Ficken muht und ein Auto, das seine Freundin totfährt, zerstören seinen Radiotraum.

Als ihn das Leben ausknockt, versucht er wie schon Millionen Männer vor ihm die Niederlage im Alkohol zu ertränken und muss erfahren, dass er ein Mann ist wie andere auch - wenn auch mit einer besonderen Stimme gesegnet. Hätte er nicht wider eigener Erwartung Freunde, die das verhindern können, wäre es ihm sogar gelungen ...

Tom Liehr hat mit seinem Erstling eine wunderbare Geschichte über Radio und Rockmusik, über Liebe und Leid, über cool und uncool geschrieben; bewiesen, dass Popliteratur mehr vermag als larmoyante Selbstbespiegelung; gezeigt, dass es auch in Deutschland zumindest einen Autor vom Format eines Nick Hornbys gibt. Radionights lässt sich durchaus mit 'High Fidelity' oder 'About a boy' vergleichen.

Sie bringt den Leser zum Lachen und zum Weinen, gibt ihm nebenbei einen Einblick in die Welt des Radios und in einen Mann, dem Radio alles bedeutet. Ein Held, der über Radio alles, über die eigenen Gefühle aber gar nichts weiß, arrogant, unsympathisch und doch lebt und leidet man bald beim Lesen mit. Radio Nights müss man zweimal lesen. Beim ersten Mal wird man es verschlingen, beim zweiten Mal all die Feinheiten wahrnehmen, die es so vielschichtig machen.

"Meine Schwester stierte zur Wand und sagte nichts, für einen Moment lang war es völlig ruhig, und ich befürchtete schon, die Ratte hätte sich verzogen, um mich am nächsten Abend heimzusuchen. Aber das Geräusch war zu hören, ein leises, aber flächiges Rascheln, Krispeln, direkt von der Wand neben meinem Bett.
'Verflucht, was ist denn das?', schrie Veronika vor Schreck, packte mich und rannte mit mir hoch in ihr Zimmer [...].
Daß mein Vater, als er am nächsten Tag die Tapeten von den feuchten Wänden riß, nur ein paar kleine schwarze Käfer dahinter fand, die aus einem fingerdicken Loch gekrabbelt kamen, änderte nichts mehr an meinem Entschluß, ein Radiomann zu werden.
Einer, der Leute nachts beschützt vor den dicken Ratten dieser Welt, die sich durch Wände fressen."

Allein schon wegen der Sprache möchte man all den anderen Popliteraten dieses Werk ans Herz legen, da sitzt jedes Wort nicht 'ungefähr', sondern genau, da ist die Sprache lyrisch wie ein guter Rocksound. Leute, lest einzelne Absätze mal laut und ihr erfahrt endlich, was man mit Popliteratur machen kann - wenn man es denn kann und will!

Da trifft man keine menschlichen Abziehbilder, da stehen Personen vor einem, die dreidimensionale Tiefe haben, Schwächen und Stärken; eine Geschichte, die nicht irgendwie zusammenschustert wurde - und passt es nicht willig, so brauch ich Gewalt -, sondern Anfang und Ende - pardon: INTRO und OUTRO - hat und einen Autor, der die Leichtigkeit seiner Sprache nicht dazu nutzt, den Konsequenzen seiner Geschichte auszuweichen wie Judith Hermann. Für mich eine der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Jahres.

Go, Donald, go, go!

Radio Nights, Tom Liehr
Broschiert - 258 Seiten - Aufbau Tb
Erscheinungsdatum: März 2003
ISBN: 3746619343
8,50 €

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