Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte. Großstadtgeschichten.
Katharina Bendixen (Hg.), Poetenladen, Dezember 2007


Anthologien haben es schwer. Sie bieten neuen Autoren die erste Bühne, aber niemand will sie lesen. Schade, aber verständlich, denn die Qualität der versammelten Texte variiert meist sehr. Man möchte es lesen, schließlich ist es lobenswert, dass neue Autoren vorgestellt werden, mehr noch ist lebensnotwendig für die Autoren, für die Literatur und deshalb auch für die Leser.

Aber oft ist das Lesen auch hart. Vieles liest sich zäh, oft spürt man den Willen, „literarisch“ schreiben zu wollen und die Folgen sind immer desaströs: Gewollte Bilder, überbordende Metaphern und leider immer noch häufig die gekonnte Vermeidung, eine Geschichte zu erzählen. Das Vorwort dieses Bändchens spricht es explizit an: „... wehren sich andere Texte heftig gegen das Erzählen und kreisen um sich selbst, um ihre Helden, um das Wort.“

Die Folgen überraschen nicht. Einige der Geschichten grenzen an Körperverletzung. Nichts erzählen zu wollen, geht auch hier schief und man fragt sich, warum jemand, der nichts erzählen will, es dann nicht einfach bleiben lässt und eben keinen Text schreibt? Doch der Versuch wird immer wieder gemacht und scheitert auch hier erwartungsgemäß.

Auch Erzählungen in der zweiten Person werden immer wieder versucht und scheitern meistens. Katharina Schwanbeck hat es mit „Der Krebs in den Köpfen“ auch versucht, scheitert aber nicht und das ist einer der Texte, der mich dann wieder versöhnt. Ebenso Emma Braslavsky mit „Kein Sex, kein Marx“, das sich liest, als habe Franz Kafka sich mit der Harry Potter Autorin zusammengetan, um einen draufzumachen. Handwerklich nicht perfekt, vieles ließe sich bemäkeln, aber ich verzeihe ihr alles, weil sie so eine absurde Geschichte abspult.

Wer auf den Nanga Parbat steigen will, darf sich nicht beschweren, wenn nicht immer die Sonne scheint und er nasse Füße kriegt. Der Blick von oben entschädigt für viel Ungemach unterwegs.

„Pimp my Paris“ von Gregor Guth ist ein Kurzportrait von Paris, bedrückend, unüblich, packend. Carola Grubers eindrückliche Hommage an Lion Feuchtwanger fallen auf und Marie T. Martins Erzählung über eine Frau, die sich in fremden Wohnungen häuslich einrichtet, weil ...

Die Texte sind nach Begriffen geordnet wie „Begegnen“, „Innehalten“ oder „Kreisen“. „Moderne Autoren leben in Großstädten, moderne Geschichten spielen in Großstädten,“ erläutert die Herausgeberin Katharina Bendixen im Vorwort. Weder das eine noch das andere kann ich nachvollziehen. Spezifisch Großstädtisches jedenfalls konnte ich nicht entdecken.

„Gemeinsam ist allen Geschichten ein Gefühl des Abwartens, das dem Lebensgefühl einer jungen Generation entspricht, die sich nicht in Gewohnheiten einrichten darf, sondern sich immer auf dem Sprung nach etwas neuem befinden muss“, verrät uns die Herausgeberin weiter, hoffen wir, dass sie sich nicht in der Gewohnheit des Abwartens einrichtet und auf den Sprung wartet, den sie nie macht.

Dafür ist der Titel genial. „Quietschblanke Tage“ entschädigt für manches.

Die Rezension dieses Buches ist mir schwergefallen wie kaum eine andere und so kann ich nur hoffen, dass ich dem Leser den Grund dafür ein wenig habe näher bringen können. Es gibt eben Bücher, über die kann man berichten, aber kein abschließendes Urteil fällen.

Leseprobe
Verlagshomepage

Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte, Katharina Bendixen (Hg.), Großstadtgeschichten, Poetenladen, Dezember 2007
ISBN-10: 3940691011, ISBN-13: 978-3940691019, broschiert, 160 Seiten, Euro 12.00

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