Nijura - das Erbe der Elfenkrone. Jugendfantasy ab 12.
Jenny Mai Nuyen, cbj, August 2006


Bunter Fabulierteppich

"Einen Augenblick stand der neue König reglos vor den Moorelfen. Dann hob er die Hände und schob sich die Kapuze zurück: Die steinerne Krone Elrysjar schmiegte sich um seine Stirn, glänzend wie Sumpföl. Der Regen rann dem Fremden über das Gesicht, er wusch Erde und Schmutz fort und enthüllte das lächelnde Gesicht eines Menschen.
"Folgt mir", sagte der Menschenmann, feierlich und zischelnd, gebrochen in der Sprache der Elfen. Und als er aus dem Dorf schritt, folgten ihm vierhundert bleiche Gestalten in einem stummen Zug."

In den Marschen von Korr eignet sich ein Mensch die Elfenkrone der Moorelfen an. Eigentlich dürfte das unmöglich sein, denn die Krone macht den Träger unverwundbar, aber dennoch ist es diesem Menschenmann gelungen, den alten König zu beseitigen. Jetzt müssen die Moorelfen auf ihn hören.

Und er hat großes vor. Er schafft aus Elfen die grauen Krieger.

Derweil planen Scapa und Arane, zwei Straßenkinder in Kesselstadt, den Aufstand gegen den Mafia-Boss Torron. Der fordert von allen Abgaben. Aber wie sollen sie an Waffen kommen? Doch dann haben sie einen genialen Plan und er gelingt. Scapa und Arane, die beiden Straßenkinder, unzertrennlich wie Bruder und Schwester, haben es geschafft.

Da marschieren die grauen Krieger in Kesselstadt ein. Arane will mit ihnen einen Pakt schließen, Scapa warnt sie, zurecht, wie sich bald herausstellt.

In den Wäldern lebt das Mädchen Nill in einem Menschendorf. Sie ist halb Elfe, halb Mensch, weswegen beide sie verachten. Doch ausgerechnet sie findet das magische Messer, die einzige Waffe, die den Träger der Elfenkrone töten kann - oder ihn noch mächtiger macht. Ihr Dorf schickt sie als Kundschafterin zu den Moorelfen, unterwegs begegnet sie dem Elfenprinzen Kaveh und seinem zahmen Wildschwein, der ihr sagt, dass ...

Aus diesen drei Handlungsfäden webt Nuyen einen farbigen Teppich, lässt den trauernden Scapa, die verachtete Halbelfe und den Elfenprinzen lebendig werden, nimmt uns mit auf deren gefährliche Reise. Und weil die Figuren der Autorin so rund, so lebendig, so gelungen sind, weil die Twists dieser Reise ebenso glaubhaft wie überraschend sind, sich aus den Personen entwickeln, darum kann man das Buch bald nicht mehr aus der Hand legen.

Das ist nicht der übliche 08/15 Herr der Ringe Klon, da werden nicht zum hundertsten Mal Orks und böse Lords beschworen, da erleben wir stattdessen eine neue Welt, eine eigene Geschichte und bald zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, gut und böse zu trennen, da zeigen die Menschen plötzlich ihre dunklen Seite, wenn wir Leser es am wenigsten erwarten. Denn Nuyens Personen haben Tiefe, wir fühlen mit ihnen, selbst wenn sie sich in ihren eigenen Wünschen, Hoffnungen und Plänen unrettbar verstricken. Sie weiß ihre Fäden immer wieder zu verwirren und lässt doch keinen fallen, sondern führt sie am Ende zu einem überraschenden Schluss zusammen.

Die Autorin ist achtzehn, klar, dass der Verlag sie als neuen "Eragon" preist, dessen Autor ebenfalls sehr jung sein Buch geschrieben hat. Beinahe hätte ich das Buch weggelegt, weil das so sehr an einen Marketing Trick erinnert, Teenie-Autoren sind in, je jünger, desto besser. Aber dann habe ich es doch gelesen. Und das nicht bereut.

"Nijura" ist ein ganz eigenes Buch - ich persönlich halte es sogar für besser als "Eragon" -, denn die Autorin zeigt eine erstaunliche Reife im Fabulieren. Nuyen weiß, was so viele ältere Autoren der Erwachsenen-Fantasy längst vergessen, verdrängt haben: Fantasy hat mit Phantasie zu tun.

Andererseits - ist das wirklich so verwunderlich? Schließlich hat Schiller auch seine "Räuber" bereits mit zweiundzwanzig geschrieben. Man muss keine vierzig, keine sechzig sein, um gute Geschichten zu erzählen, zumal Nuyen durchaus einige Erfahrungen vorweisen kann. Sie schreibt schon seit Jahren und hat vor diesem Roman bereits neun zu Papier gebracht. Auch Schreiben muss man trainieren.

Fazit: Ein fabulierfreudiger Roman mit lebendigen Personen, weitab von üblichen Fantasy-Schemata und Schwarz-Weiß Malerei. Lesenswert.

Leseprobe

Über die Autorin: Jenny Mai Nuyen wurde 1988 in München geboren, sie ist deutsch-vietnamesischer Abstammung. Ihre erste Geschichte schrieb sie mit fünf, ihren ersten Roman mit dreizehn. Sie studiert Film an der Universität von New York.

Nijura - das Erbe der Elfenkrone, Jenny Mai Nuyen, Jugendfantasy ab 12, cbj, August 2006
ISBN-10: 3570130584, ISBN-13: 978-3-570-13058-2, gebunden, 512 Seiten, Euro 16,95

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