Möchtegern. Roman.
Milena Moser, Nagel & Kimche Februar 2010

Möchtegern

»Sie wollten alle dasselbe. Sie wollten ein Buch schreiben. Nicht irgendein Buch – sondern den großen Schweizer Roman.
Sie wollten so schreiben, dass jedes Wort zählt. Jedes Wort eine Faust in den Magen. Eine Fessel ums Herz. Wort für Wort, Satz für Satz: Geschichten, die mit angehaltenem Atem gelesen würden, nachts unter der Bettdecke, in Straßenbahnen, Wartezimmern, Cafés. Sie wollten Bücher schreiben, die nicht aus der Hand gelegt und nicht ausgeliehen werden würden. Bücher, die Leben veränderten.
Sie wollten, dass ihre Leser mit der Straßenbahn im Kreis fuhren, bis das Kapitel zu Ende war.«

Mimosa Mein schläft eine Nacht nicht und schon nimmt sie das Telefon ab. Was sie sonst nie tut. Obendrein sagt sie auch noch ja. Und schon ist sie für das Schweizer Fernsehen verpflichtet. Für SchreibStar. Die Schweiz sucht den Superautor. Und in der Jury darf die Grand Dame der Schweizer Literatur, nämlich Mimosa, nicht fehlen.

Mit 17 veröffentlichte sie ihr erstes Buch, das, weil voller anzüglicher Stellen, ein Bestseller wurde. Dass sie noch Jungfrau war, durfte sie niemand verraten. Die nötigen Intimkenntnisse hatte sie sich aus medizinischen Werken der Stadtbücherei und den Herrenmagazinen ihre Vater abgeschrieben.

Nein, Milena Moser kannte zwar den Rummel um Hegemann. Dass die aus Strobo abgeschrieben hat, konnte sie nicht wissen. Da war ihr Buch nämlich schon fertig.

Vierzig Wannabes werden vom Verleger Wolfensberger, der Kritikerin Michelle Schlüpfer und der HasBeen Mimosa beurteilt. Zehn werden ausgewählt für eine mehrwöchige Schreibfabrik, in der sie auf Schritt und Tritt von Kameras beobachtet werden. Mimosa Mein gilt immer noch als Skandalautorin und ist deshalb dabei. Dabei ist der einzige Skandal, das sie ihr Haus seit Jahren nicht verlassen haben.

Bald stellt sich heraus, wie viele Schweizer schreiben. Der Fernsehsender wird mit Texten überschüttet, die Jurymitglieder auch. Auch die Putzfrau von Mimosa schreibt. Und drückt ihr da Manuskript in die Hand.

Und dann rücken sie an, die Möchtegerns ...

Milena Moser hat einen wunderbaren Roman über Medien und Hypen geschrieben, darüber, wie Kritiker Autorinnen festlegen und auch darüber, wie Fernsehen gemacht wird. Denn die Siegerin wurde schon am Anfang ausgewählt. Eine junge, hübsche Frau, versteht sich. Doch dann kommt es anders, die Zuschauer reagieren zwar begeistert, aber nicht so, wie das Skript des Senders es vorsah und Mimosa Mein macht die Kandidaten nicht nieder, sondern redet sie mit „Meine Lieben“ an, was den Produktionsleiter verzweifeln lässt. Sie soll schließlich den Bohlen machen.

Die Wannabes schreiben nicht nur Geschichten, jeder hat seine eigene Geschichte, die ihn zum Schreiben treibt. Auch die entwickelt die Autorin Stück für Stück im Roman. Am Anfang wird es deshalb stellenweise ein wenig unübersichtlich, denn außer den Geschichten der zehn Teilnehmer erzählt uns Mimosa ihre eigene, die natürlich auch eine Geschichte der Literaturszene ist und die kennt die Autorin bestens – und kann sie auf sehr witzige, oft auch bösartige Weise karikieren.

Vor allem die Art, wie Autorinnen und Autoren auf Rollen festgelegt werden. Mimosa Mein als Skandalautorin; Göpf Burri, das zentralschweizerische Original, direkt aus Heidiland in den Sender hereingeschneit, in Wirklichkeit aber ein Ingenieur, der in Afrika Brücken baute, vor lauter Heimweih Lieder schrieb und wegen Alkoholismus entlassen wurde. Anita Giezendanner, die der Sender erst kippen wollte, „Wen interessiert eine graue Hausmaus?“ und die in der Schreibfabrik ihr Thema und ihre Stimme entdeckt. Melanie Grossmann, die Studentin, an deren Texten rein gar nichts auszusetzen ist – außer, dass man sie sofort vergisst. Hoxha, Bosnier und ...

Aber nein, ich muss jetzt aufhören. Sonst verrate ich noch alles.

Der Roman jedenfalls ist eine vergnügliche Reise durch die Welt des Schreibens, die Motive der Schreiber, die Hemmungen und die Schwierigkeiten, selbst eine eigene Stimme in seinen Texten zu entwickeln. Wer selbst schreibt, wird so manches Bekannte entdecken und trotzdem – oder gerade deswegen – laut auflachen. Denn die Autorin hat einen sechsten Sinn für die Absurditäten des Lebens und versteht es, sie uns nahe zubringen. Und wie so oft bei Komödien steckt ein gerüttelt Teil Drama darin, bringt den Leser ins Grübeln.

Doch das ist nicht nur ein Roman. Denn in regelmäßigen Abständen lädt sie den Leser ein, selbst zu schreiben. Mit Schreibaufgaben, die sich an ihren Text anlehnen, das Thema oder den Ausgangspunkt des Kapitels neu aufgreifen. Keine schlechte Idee, denn nichts inspiriert mehr, als gute Texte anderer. Milena Moser weiß das, sie gibt schließlich Schreibkurse.

So ist das nicht nur ein höchst vergnüglicher Roman, sondern auch ein Schreibübungsbuch geworden. Das hat bisher noch keine geschafft.

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