Marionetten. Thriller.
John le Carré, Ullstein, November 2008

marionetten

In Hamburg taucht ein abgerissener Tschetschene namens Issa auf. Der Mann war in Russland im Knast, ein islamistischer Terrorist behaupten die Russen, die ihn zur Fahndung ausgeschrieben haben. Eigentlich ist er gar kein richtiger Tschetschene, sondern ein halber Russe, denn der Vater war ein russischer Oberst, der die tschetschenische Mutter vergewaltigt hat. Den Sohn aber liebte er heiß und innig, steckte ihn in teure Privatschulen und wollte ihn zu einem richtig guten Russen erziehen. Vergeblich. Issa fühlt sich als Tschetschene und entfloh dem väterlichen Regime, sobald er konnte.

Nach Hamburg kommt er, weil sein Vater Geld hatte, Schwarzgeld. Bei einem schottischen Bankier, Nummernkonten. Geld, das aus Plünderungen, aus korrupten Geschäften, aus Erpressungen stammt.

Issas Schicksal scheint besiegelt, früher oder später wird man ihn verhaften, nach Russland abschieben und dort wird man ihn foltern.

Das will Annabell verhindern, eine Bürgerrechtsanwältin des „Fluchthafen Hamburgs“. Sie steht auf verlorenem Posten, bis sich ein Geheimdienstler für ihren Schützling interessiert. Einen deutschen Pass für Issa und er kann bleiben – wenn er ihm hilft, in islamistische Kreise einzudringen.

Leider gibt es ihn Deutschland verschiedenste Stellen und Geheimdienste, die sich alle um das Thema bemühen. Ganz zu schweigen vom britischen Geheimdienst, der auch gerne ein Wörtchen mitreden möchte, schließlich hat er über den schottischen Bankier und die russischen Schwarzgeldkonten auch einen Fuß in der Tür. So beginnt ein Spiel, in dem jeder Spieler seine eigenen Interessen vertritt, keiner den anderen in die Karten schauen lässt und alle Marionetten sind, die nicht mal ahnen, wer die Fäden in der Hand hält.

Le Carre hat das Thema Terror aufgegriffen und die Aufhebung von Freiheitsrechten, die der Kampf gegen den Terror angeblich erfordert. Was tut jemand, der in das Visier von Terroristen-Jägern gerät? Wie beweist man, dass man kein Terrorist ist und auch keine Anschläge plant? Keine der Personen hier ist frei, jede zappelt an Fäden und am Ende verlieren sie alle.

Le Carré war schon immer eine Garantie für spannende Unterhaltung, aber hier hat er sich selbst übertroffen. Hamburg ist ihm nun mal vertrauter als der Kongo, in dem sein letzter, eher schwächerer Roman spielte. Die Stadt, den Islamismus, die Sondergesetze und verschiedenen Geheim- und Polizeidienste verquickt er mit lebendigen Figuren, die dem Leser immer neue Überraschungen bieten. Wer ist gut, wer ist böse in diesem Spiel? Wer soll das sagen?

Anlässlich der BKA Gesetze im Bundestag/Bundesrat ist das Thema hochaktuell. Und es ist erstaunlich, dass ein Buch, das so ruhig geschrieben ist, uns langsam in die Handlung und ihre Personen einführt, mit poetischen, düsteren Beschreibungen glänzt, fast ohne Action auskommt, dass so ein Buch derart packend ist. Der Altmeister macht es hier allen vor, wie man Spannung erzeugt. Jedenfalls nicht mit möglichst vielen sensationellen Stunts.

Fazit: Superspannender Thriller der Sonderklasse, der außerdem aktuelle Politik und Gesetzgebung aufgreift. Wer sagt da noch, es gäbe keine politische Literatur mehr?

Leseprobe

Autorenhomepage

Marionetten, Thriller, John le Carré, Ullstein, November 2008
ISBN-13: 978-3550087561, gebunden, 368 Seiten, Euro 22,90

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