Luisa. Roman.
Paula Fox, C.H. Beck, August 2005


Eine Dienstbotengeschichte

"Damals gehörte uns nichts. Nicht die Zuckerrohrsprößlinge, nicht die Farm, nicht die Geräte, die Weiden, der Weg, weder Ochs noch Karren, auch mein kleiner Gemüsegarten nicht, nicht mal mein eigenes Bett. Alles gehörte dem Plantagenbesitzer, wahrscheinlich sogar meine Unterhosen. [...] Aber damals nahm man alles ernst. Alles zählte, nicht wie heute, wo alles egal ist und wo es keine Geschichten mehr gibt."


Luisa wächst 1926 in einem Dorf auf einer Plantage in der Karibik auf. Ihre Großmutter und ihre Mutter sind verfeindet, das Mädchen muss sich den Zugang zu ihrer Großmutter erkämpfen. Im Dorf unter den Kindern ist sie eine Außenseiterin. Denn ihr Vater ist der Sohn der Plantagenbesitzerin, die Mutter Dienstbotin im Herrenhaus.

Die Großmutter möchte, dass ihre Enkelin wird wie alle anderen und nimmt sie mit aufs Feld. Doch der Aufseher verbietet das. Die Plantagenbesitzerin arrangiert für den Sohn eine standesgemäße Ehe. Aber dieser schlägt sie aus und heiratet stattdessen die Dienstbotin. Er wird enterbt und die kleine Familie zieht nach New York.

Dort gibt es zwar keine allmächtigen Plantagenbesitzer, aber das Leben hält andere Hindernisse bereit. Die Mutter muss die Familie durchbringen, der Vater, das standesgemäße Leben als Herrensohn gewohnt, ist den Anforderungen regelmäßiger Arbeit nicht gewachsen.

Luisa wird wie ihre Mutter Dienstbotin, wählt den Weg, den ihre Großmutter verhindern wollte. Sie kann sich und ihren Sohn damit ernähren. Aber die Probleme ihrer Mutter wiederholen sich und ihr Sohn ...

Paula Fox kann mit Worten ganze Bilder im Kopf des Leser erwecken. Wie sie das Leben auf der Plantage schildert und im Kopf des Lesers einen farbenprächtigen Film entstehen lässt, ist ebenso meisterhaft wie die Schilderung des Lebens im Barrio in New York. Irgendwo zwischen John Steinbecks "Früchte des Zorns" und John Irvings "Das Hotel New Hampshire" ist diese Lebensgeschichte einer Dienstbotin angesiedelt und gehört zu den Texten, die den Leser lange gefangen hält. Eines der wenigen Bücher, das man zweimal lesen kann und sollte.

Und ein Beispiel dafür, was Worte vermögen, jedenfalls dann, wenn sie von einer Meisterin ihres Faches gesetzt werden. Nur einen Kritikpunkt habe ich an dem Buch: Dass es 1984 veröffentlicht wurde, aber sich erst jetzt ein Verlag fand, der es in Deutsch herausbrachte.

Fazit: Für jeden Fan faszinierender Lebensgeschichten ein absolutes Muss und ein Musterbeispiel für die Kunst des Erzählens.

Leseprobe:

Über die Autorin: Paula Fox wurde 1923 in New York geboren, ihr Vater war Ire, ihre Mutter Kubanerin. Ihre Kindheit verbrachte sie in wechselnden Umgebungen, darunter ein Kinderheim und eine Plantage im Dorf ihrer Mutter auf Cuba. Als sie zwölf war, hatte sie bereits neun verschiedene Schulen besucht. Sie schrieb mehrere Kinderbücher und gewann 1978 den Hans Christian Anderson Preis, hat drei Kinder und mehrere Enkelkinder.
Selbst in den USA war sie für lange Zeit vergessen gewesen und wurde erst kürzlich wiederentdeckt, in Deutschland war sie bis vor kurzem so gut wie unbekannt.

Luisa, Paula Fox, Roman, C.H. Beck, August 2005
Originaltitel: A Servant's Tale, aus dem Englischen übersetzt von Alissa Walser
ISBN 3-406-53549-6, gebunden, 443 Seiten, 22,90 Euro

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