Wie Licht schmeckt. Jugendbuch.
Friedrich Ani, Hanser 2002



Gottes Tochter

Vier Tage München zum Geburtstag

"Merkwürdig war meine Mutter, daran gab's keinen Zweifel, und die Sache mit ihren Karten und Sternen war extrem merkwürdig. Aber daneben fand ich sie nicht. Ricos Mutter war daneben, die schlug mit dem Staubsauger auf Ricos Vater ein und spuckte aus dem Fenster, wenn jemand vorbeiging, den sie nicht leiden konnte. So etwas würde meine Mutter nie machen. Auch hatte ich sie und meinen Vater niemals streiten sehen, sie redeten zwar fast so merkwürdig wie die Leute in Becketts Stücken, aber sie warfen sich keine Sachen an den Kopf, volle Milchkännchen zum Beispiel, wie Elsas Mutter ihren Liebhabern, wenn es stimmte, was Elsa erzählte."

Lukas wünscht sich zum Geburtstag vier Tage allein in München. Er wird vierzehn, kommt sich recht erwachsen vor und liest Beckett. Überhaupt ist Lesen das, was er am liebsten tut - außer Leute beobachten natürlich.

Sein Vater ist Meister im Schweigen und der Großvater redet auch nicht mehr. Lukas findet das blöd, aber eigentlich schweigt auch er genauso ausdauernd - was er aber niemals zugeben würde. Die Mutter legt Horoskope, Tarotkarten und Sternkarten.

Jeden Satz, jedes Wort dreht Lukas dreimal im Kopf herum, bis er es rauslässt. Kein Wunder, dass er vielen merkwürdig erscheint. Und natürlich ist er in der Pubertät, was alles noch viel schlimmer macht.

Als ihm sein Geburtstagswunsch nicht gewährt wird, haut er einfach auf eigene Faust ab. Er trifft die blindes Sonja (genauer gesagt, stolpert er über sie), glaubt ihr erst die Blindheit nicht, weil sie als Kellnerin jobbt, weil sie so viel von der Welt mitbekommt, weil sie ihn sogar zum Schwimmen mitnimmt. Und plötzlich ist er verliebt, wehrt sich dagegen, bricht aber doch manchmal sein Schweigen, jedenfalls Sonja gegenüber. Was ihm früher belanglos schien oder gar verrückt, wird plötzlich selbstverständlich. Wie Wein schmeckt und dass es eine Stelle in der Maximiliansstraße gibt, an der das Licht einen ganz besonderen Geschmack hat.

Ani, sonst für Spannung und Krimi bekannt, hat diesmal ein eher ruhiges Buch geschrieben, ein bewegendes Porträt des pubertierenden Lukas gezeichnet, zart, verhalten. Ein bisschen "Der Fänger im Roggen", ein bisschen Beckett und sehr viel eigenes aus München, aus Obergiesing. Die erste Liebe und wie sie einem Jungen zusetzen kann, fern von aller Coolness. Kein Page-Turner, sicher nichts für jeden, aber vielleicht entdecken ja auch Jugendliche, die sonst eher Krimis oder Fantasy lesen, wie Licht schmeckt und dass auch ruhige Bücher spannend sein können.

Leseprobe

Über den Autor: Friedrich Ani, Sohn eines Syrers und einer Oberschlesierin, wurde 1959 in Kochel geboren, war Polizeireporter und Kulturjournalist, ehe er mit seinem Kommissar Süden Bücher schrieb. Er erhielt den deutschen Krimipreis 2002 und 2003, den Literaturförderpreis der Stadt München und den Staatlichen Förderungspreis für Literatur des Bayrischen Kulturministeriums. Aber er schreibt auch Jugendbücher, das erste war "Durch die Nacht, unbeirrt", das zweite "Wie Licht schmeckt".

Wie Licht schmeckt, Friedrich Ani, Hanser, Februar 2002
ISBN 3-446-20120-3, Hardcover, 189 Seiten, 12.90 €

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