Die Lewins. Roman.
Gita Lehr, Eichborn 2004



John Irving Klon

"Meiner Ansicht nach fing alles damals an, als Maud Lewin zu schreiben begann und sich die Meinung verbreitete, sie sei nun endgültig verrückt geworden. Das war lange bevor ich zur allgemeinen Freude zum Krüppel wurde und Emma sich nach reichlicher Überlegung doch noch entschloss, eine halbwegs normale Größe zu erreichen."

Die Lewins leben weit draußen in einem alten Kasten aus bröckelnden Sandstein und tun nichts weiter, als aufzufallen. Zumindest behauptet das der junge Ich-Erzähler Leander, den jeder Lea ruft und der einer dieser Mischpoke ist. Dazu gehört die Großmutter Maud, die blind ist und den Leuten tief in die Seele blicken kann, die Mutter Elisabeth und die Kinder Jules, Wanda, Emma und eben Lea.
Zahlreiche Geschichten ranken sich um die Familie und Lea erzählt sie uns alle, von seiner Zwillingsschwester Wanda, die der Dreizehnjährige begehrt und in die er verknallt ist, von Staller, dem älteren Schüler, der Lea so gerne hänselt, von Olympe, dem Kindermädchen, das die Haushaltskasse mit eigenen Methoden aufbessert und davon, warum Jules stumm wurde.
Ein wenig erinnert das Ganze an John Irvings "Hotel New Hampshire" und da wäre auch nichts gegen zu sagen, Autoren können sich schlechtere Vorbilder wählen als gerade Irving.
Doch leider verstellt dieses Vorbild der Autorin den Zugang zu ihrer eigenen Geschichte, bei dem Versuch ein zweites Hotel New Hampshire zu schaffen, verliert sie den Draht zu ihren Figuren, die immer eindimensionaler werden und auch der Hintergrund, die Kleinstadt, in der das alles spielt, ist seltsam schwammig.
Dass die Lewins in der Stadt verschrien sind, behauptet die Autorin, aber sie zeigt es uns nirgends, es bleibt wie vieles anderes eine Behauptung, die man glauben kann oder auch nicht. Die Geschichten könnten überall spielen, in den Fünfzigern wie in den Neunziger Jahren und so ist eben alles in diesem Text beliebig, austauschbar und eben deshalb so aufregend wie ein Falk Stadtplan. Obendrein wirkt der Text an manchen Stellen so, als habe die Autorin mit der Streubüchse willkürlich nichtssagende Adjektive und Adverbien verteilt.
Gegen Ende wird der Leser mit allen möglichen Schicksalsschlägen der Familie überhäuft, AIDS, Selbstmord, Gehirntumor, Raubmord und ein abgeschnittenes Bein suchen die Familie heim und so willkürlich passiert all dies, dass man manchmal verzweifelt auflacht - leider ist es nur unfreiwilliger Humor.
"Worum es bei wirklich gelungenen Erzählen immer geht: um alles und um jeden von uns" heißt es im Roman und vielleicht erklärt dieser Irrtum, warum der Text scheiterte. Denn es geht nie um alles und jeden, es geht immer um bestimmte Personen, um eine bestimmte Geschichte und einen definierten Hintergrund. Don Quichotte bekämpft nicht Voldemort, James Bond attackiert keine Windmühlen und Harry Potter ist nicht der Fänger im Roggen. Der brave Soldat Schwejk spielt eindeutig in der zerfallenden Donaumonarchie und Kommissar Maigret nicht in Los Angeles.
So gewinnt der Leser bald den Eindruck einen ersten Entwurf vor sich zu haben, der eigentlich dringendst hätte lektoriert und überarbeitet werden müssen, um dreidimensionale Figuren und einen erkennbaren Hintergrund zu gewinnen, doch das ist unterblieben. Dabei hat der Text durchaus Ideen und Personen, die zu entwickeln sich gelohnt hätte und mir ist es unverständlich, dass das Eichborn Lektorat ihn so herausgeben konnte.

Über die Autorin: Gita Lehr, geboren1968, studierte Sozialpädagogik und lebte dann mehrere Jahre in Spanien. Heute wohnt sie mit ihren beiden Töchtern in Würzburg

Gita Lehr, Die Lewins, Eichborn, ISBN 3-8218-0939-6
Gebunden, 392 Seiten, 19,90 €

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