The Key. Die Kraft des Mythos.
James N. Frey, Emons 2001





Der Mytholand-Baukasten

"Dieses Buch soll Romanautoren helfen, mythisch ausgerichtete Literatur zu verfassen, das heißt eine Literatur, die die Kraft hat, den Leser zutiefst zu bewegen", verspricht der Autor dem hoffnungsvollen Leser. Und er verspricht, dass es einen und nur einen "Monomythos" gäbe, der dies leisten könne.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Magie des Geschichtenerzählens, soll beweisen, welche Kraft der Mythos hat. Schon hier scheint es, als wolle Frey sich vor allem selbst etwas beweisen. Dass er häufig seine anderen Bücher (Wie man einen verdammt guten Roman I+II) zitiert und behauptet, das alles finde sich auch schon dort, nährt den Verdacht, dass hier ein Konvertit beweisen will, er habe "schon immer" seinen neuen Glauben vertreten. Was nicht stimmt - seine früheren Bücher unterscheiden sich deutlich von "The Key".

Im zweiten Kapitel geht es um Helden und Bösewicht. Der eine ist zutiefst gut und der andere zutiefst böse. So einfach ist das. Der Bösewicht soll "auf keinen Fall aufopfernd sein". Das klingt schon sehr nach Schema F und ist es auch. Die vorgestellte Heldin wie auch der Gegenspieler wirken wie Kasperlepuppen an den Fäden eines unerfahrenen Puppenspielers. Warum muss der Held gut, der Gegenspieler böse sein? Frey bleibt hier wie auch später die Antwort einfach schuldig. Ich kenne eine Menge höchst erfolgreicher mythischer Geschichten, wo das nicht so ist. Die Ilias gehört dazu (Trojaner und Achäer sind Gegner, aber keiner von Beiden abgrundtief böse oder selbstsüchtig), die Longseller "Sinuhe der Ägypter" ist einwandfrei mythisch ausgerichtet, verkauft sich seit fünfzig Jahren gut, aber Haremhab, der Gegenspieler, ist ein Machtpolitiker und doch kann Waltari ihn uns als Mensch nahe bringen. Selbstsüchtig oder böse ist er jedenfalls nicht. Dafür verkauft der Held Sinuhe das Haus und Grab seiner Eltern, um eine Hure für sich zu gewinnen - nicht grade das, was einen "aufopfernden Menschen" ausmacht. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Freys Buch ist liest sich leicht und enthält manchen guten Ratschlag - wie zum Beispiel, die Figuren marschieren zu lassen, nicht aus Angst oder Mitleid dem Helden gefährliche Situationen, böse Verletzungen zu ersparen. Doch seine Beispielgeschichte ist ein schlechter Kolportageroman, voller Kitsch und Klischees - und manchmal voll von unfreiwilligem Humors.

Eigentlich schade für jemanden, der so gut schreiben kann, für jemand dessen "Wie ich einen verdammt guten Roman schreibe" zwar manchmal dogmatisch ist, aber nichtsdestotrotz eine Menge nützlicher Ratschläge enthält. "The Key" ist aber nur schlecht und enthält nichts, was nicht schon in der Odysee des Drehbuchschreibers steht.

1992 schrieb Jürgen Vogler "The Writer's Journey: Mythic Structure for Storytellers und Screenwriters (deutsch: Die Odysee des Drehbuchschreibers). Eine leicht fassbare Anleitung, wie eine Geschichte, ein Film auszusehen hat, damit er ein Erfolg wird.

Zumindest Jürgen Voglers Buch wurde ein Erfolg. Hollywood, immer auf der Suche nach dem Stein des Weisens, der garantiert, dass die hohen Produktionskosten auch wieder eingespielt werden, war begeistert. Wer wollte, dass seine Drehbücher sich verkauften, seine Filme auch gedreht wurden, musste sich an diese Heroen-Mythenmasche halten.

Seitdem ist Mythos in. Leider beziehen all die Mythenbegeisterten ihre Kenntnis aus fragwürdigen Esoterikquellen. Klar, jeder, der Märchen liest, jeder der etwas von Mythen versteht, weiß, dass es bestimmte Grundformen gibt. Doch so einseitig wie The Key sind weder Märchen noch Mythen. Da gibt es eben nicht nur den Heroenmythos, da gibt es nicht nur Gut und Böse, da sind Trickster am Werk - bei den Griechen Hermes, der Gott der Diebe, Reisenden und Kaufleute oder Odysseus, der Listenreiche, bei den Indianern der Coyote -, da gibt es die Mythen von der Liebe und vor allem werden die gleichen Geschichten immer wieder neu und immer wieder anders erzählt - vergleicht mal die immer neuen Versionen von Romeo und Julia.

Die Gebrüder Grimm haben eben nicht, wie hierzulande Esoterik-Dogmatiker verbreiten, einfach alte Volksmärchen nacherzählt, sie haben sie neu erzählt. Wer es nicht glaubt, braucht nur "Rumpelstilzchen" in der Fassung von 1812 mit den späteren Fassungen zu vergleichen. Was bei früheren Erzählern "böse Mütter" waren, wurden bei Grimm böse Stiefmütter und immer endete es mit der Hochzeit und danach lebten sie glücklich und zufrieden und wenn sie nicht gestorben sind ...

Bei anderen Märchenfassungen fingen die Probleme mit der Hochzeit erst an. Ja, es gibt Mythen, richtig, es gibt einige Motive, die sich immer wiederholen, aber nein, es ist nicht nur der heroische Heldenmythos und nein, diese Geschichten sind nicht immer gleich, sondern werden von jedem Erzähler neu erzählt.

"The Key" ist einfache eine Verkürzung, vergisst, dass es verschiedene Mythen gibt, vergisst, dass sie in jeder Gesellschaft anders auftreten. In der Ilias sind die Trojaner zwar die Feinde, aber weder böse, noch feige. Eine derartige Fassung des Heldenmythos hätte sich mit der damaligen Gesellschaft auch nicht vertragen. Die Odysee enthält Elemente des heroischen Mythos, doch Odyseus ist vor allem der Trickster, listenreiche, gerissen, mit allen Wassern gewaschen, aber nicht grade kleinlich in der Wahl seiner Mittel. Mitnichten der Heros aus Freys Monomythos.

"Mythisch ausgerichtete Literatur, das sind im Grunde immer Geschichten, in denen der aufopfernde Held gegen den egoistischen und ich-bezogenen Bösewicht kämpft", doziert James Frey mit der Überzeugung des Konvertiten und hat sowenig Recht wie alle anderen Dogmatiker. Denn wenn es etwas gibt, was des Mythos Feind ist, dann ist es das Dogma. Mythen sind Geschichten mit einer inneren Wahrheit, Dogma ist Theologie, die weiß, wie die Welt und die Geschichten auszusehen haben. Weswegen Dichter und Theologen immer wieder aufeinanderstoßen.

Dabei gelingt es Frey selbst, seine Theorie zu widerlegen. Er will sie an einem Beispiel zeigen, entwickelt eine Geschichte mit einer Journalistin als Heldin, die alle Eigenschaften hat, die seiner Meinung nach eine Heldin haben muss. Und los geht's. Doch obwohl seine Figur blass und schablonenhaft ist, bricht sie unter der Hand aus Freys Schema aus. Ihr größtes Problem ist es, dass sie glaubt, Liebe sei nichts für sie, sie will Karriere machen, sie will sich nicht verlieben. Merkt ihr was? Richtig, das ist nicht der Heroenmythos, der sich aufopfert, das ist der Mythos von dem Helden der hart geworden ist und irgendwann schmelzen und seine Gefühle entdecken muss. Früher waren es harte Männer, doch heute, nach der Frauenemanzipation dürfen es auch Frauen sein. Mythen passen sich der Zeit an, in der sie erzählt werden.

Frey pfropft seiner Heldin die Heroengeschichte auf. Doch die Heldin weiß sich zu wehren. Sie hat andere Probleme und der Autor muss sich beugen. Als das große Finale vorbei ist, das Finale, das laut Frey immer das Ende der Heroengeschichte ist, fällt ihm auf, dass es nicht das richtige Ende ist. Also wird noch eine große Schlussszene eingefügt, in der die beiden sich kriegen. Womit bewiesen wäre, dass Freys Mustergeschichte zwar auch Elemente des heroischen Helden enthält, das Hauptthema aber die Liebesgeschichte ist. Auch ein Mythos, aber ein anderer.

Wer sich über Mythen und Geschichten informieren möchte, dem empfehle ich "Schule des Erzählens" von Sibylle Knaus (leider im Moment vergriffen, hoffentlich legt Fischer es bald wieder auf) oder eine der Märcheninterpretationen von Verena Kast oder Eugen Drewermann. In einem hat Frey nämlich recht: Mythen zu verwenden, kann einer Geschichte nur gut tun. Doch so einfach, wie sein Stufenplan es suggeriert, ist es nicht und wer es tun möchte, muss einiges an Kreativität aufwenden und mit den Motiven spielen können. Sonst kommt nur immer die gleiche Geschichte heraus.

James N. Frey, The Key. Die Kraft des Mythos.
Gebundene Ausgabe - 249 Seiten - Emons
Erscheinungsdatum: Juni 2001
ISBN: 3897052105
EUR 16,80

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