Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt.
Orhan Pamuk, Hanser, November 2006




Melancholie am Bosporus

Orhan Pamuks wehmütige Spaziergänge durch Zeit und Raum

"In meiner Kindheit wurde am Radio nach den Nachrichten und dem Wetterbericht immer mit ernster Stimme nicht nur den betroffenen Seeleuten, sondern ganz Istanbul verkündet, auf welchem Längen- und Breitengrad an der Mündung des Bosporus ins Schwarze Meer Treibminen gesichtet worden seien, und so heimtückisch wie diese Minen waren auch die Katastrophen, die den Menschen jederzeit völlig überraschend ereilen konnten."

Von seiner Kindheit in Istanbul berichtet der Nobelpreisträger und von den unbekannten Vierteln Istanbuls; von Franzosen und Engländern, die im 19. Jahrhundert in die osmanische Hauptstadt kamen und darüber schrieben oder malten; von türkischen Schriftstellern, die am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Stadt als Thema entdeckten und vom Verfall einer Stadt, die einst Hauptstadt einer Weltmacht war und dann ins Abseits geriet, in Armut und Vergessen.

Das Buch ist eine Liebeserklärung an Istanbul und eine traurige Bilanz des Zerfalls. Das dokumentiert nicht nur der glänzend geschriebene Text, sondern eine Unzahl historischer Schwarz-Weiß Fotos. Und es erklärt uns "Hüzün", die schwermütige Stimmung, die Istanbul befallen, sich als Gemeinschaftsgefühl auf die Bewohner gelegt hat.

Auch wenn das Buch das alte Istanbul zwischen 1800 und 1970 beschreibt, die Zeiten, als es "nur" 1 Millionen Einwohner hatte, statt wie heute 15 Millionen, "Hüzun" begegnet dem Besucher immer noch. Oft habe ich mich gewundert, nicht warum in allen türkischen Läden ein Bild von Atatürk hängt, wohl aber, warum es in den allermeisten Fällen nicht Atatürk als siegreichen Offizier in Uniform, nicht Atatürk als erfolgreichen Staatsmanns zeigte, sondern einen melancholisch in die Ferne blickenden Mann voller Sehnsucht. Hüzün, kein Zweifel.

Westliche Autoren wie Flaubert, Nerval, Gautier gaben sich im 19. Jahrhundert ihrer Orientbegeisterung hin, zelebrierten ihre eigene Form von Melancholie in der Stadt am Goldenen Horn. Anton Ignaz Melling zeichnete 1819 erstmals die Stadt. Auffällig, dass alle die Militärs und Ingenieure, die erst Preußen, später das deutsche Reich an den Bosporus entsandte, bei Pamuk nicht vorkommen. Aber preußische Militärs waren anders als französische Schriftsteller nicht dafür berühmt, anschauliche Schilderungen der Länder zu verfassen, die sie besuchten.

Vier türkische Autoren folgten den Franzosen: Resat Ekrem Koçu, Abdülhak Sinasi Hisar, Yayha Kemal und Ahmed Hamdi Tanpiar. Allesamt, wie sollte es anders sein, melancholisch (und unverheiratet), allesamt von westlichen Autoren geprägt und gleichzeitig - das ist verblüffend - viel stärker auf das alte Istanbul, die osmanische Kultur bezogen, als ihre Mitbewohner, die sich einfach am Westen orientierten und dem Verfall der alten osmanischen Vierteln und Häusern keine Träne nachweinten, ja sogar die Brände, die einen alten Holzkonak nach dem anderen auffraßen als willkommene Abwechslung und Feierabendvergnügen begriffen.

Der Bezug auf die alte Kultur fällt auch bei Pamuk auf. Dieser Spagat zwischen Bewunderung für den Westen und der Scham für das arme, heruntergekommene Istanbul; die Liebe zur alten Kultur und gleichzeitig das Gefühl, dass diese nichts hervorgebracht habe, das sich mit dem Westen vergleichen ließe. In der Türkei gelten Künstler, erst recht Schriftsteller nichts, sagt Pamuk über sein Land und ich frage mich als Leser: Gab es keine Tausendundeine Nacht, gab es im osmanischen Reich nicht eine eigene Gilde der Geschichtenerzähler, wie Elsa Sophia von Kamphoevner behauptete? Oder ist dies nur eine weitere der orientbegeisterten Mythen, die das Abendland so gerne pflegt?

Überhaupt der Westen in der Türkei. Mit der Verwestlichung kam der Nationalismus, der aus dem osmanischen Vielvölkerstaat einen türkischen Nationalstaat machte und die ethnische Säuberungen 1923 und 1955 brachte. Ebenso die Verteufelung der Homosexualität. Nicht alles Westliche zeichnet sich durch Toleranz aus. Auch heute sind es die westlich orientierten Nationalisten, nicht die Islamisten, die unliebsame Autoren immer aufs neue vor türkische Gerichte zerren.

Einher mit dem Verfall Istanbuls geht der Verfall von Pamuks Familie. Vater und Onkel bringen in immer neuen Konkursen das großväterliche Erbe herunter. Der Sohn beobachtet es, wie er die Schiffe auf dem Bosperus beobachtet, wie er beobachtend die unbekannten ärmlichen Viertel durchstreift, in die sich normalerweise kein gebildeter westlicher Türke verläuft. Überhaupt ist Beobachten, nicht Bewerten die Stärke Orhan Pamuks.

Manchmal wünsche ich mir als Leser allerdings ein wenig mehr Kommentar zu diesen seinen Beobachtungen. Etwa wenn er erwähnt, dass die rigide Zensur des Osmanenherrschers Abdülhamid II. (1876-1909) türkische Schriftsteller auf unpolitische Themen ausweichen ließ. Und auch über seine eigenen politischen Vorstellungen als er zwanzig war, schreibt er nur, dass er Parka trug und links war. Der Verlag hätte auch gut daran getan, der deutschen Ausgabe ein kommentiertes Personenverzeichnis beizufügen. Welcher Deutsche weiß schon, wann Abdülhamit und die anderen Herrscher regierten?

Die beiden letzten Kapitel sind sehr persönliche Schilderungen. Wie er sich in ein Mädchen, die "schwarze Rose" verliebte und sie in ihn und wie der Vater daraufhin das Mädchen umgehend in ein Schweizer Internat verfrachten ließ. Eine bittersüßte Liebesgeschichte, anrührend und tragisch zugleich. Und die Reaktionen seiner Mutter, als er ihr eröffnete, dass er das Architekturstudium abbrechen und Maler werden wollte. Die Mutter reagierte, wie wohl alle Mütter dieser Welt in solchen Fällen reagieren: Entsetzt.

So gibt uns Pamuk in "Istanbul" eine sehr persönliche Sicht auf die Stadt, stilistisch meisterhaft formuliert und inhaltlich dicht; macht uns mit ihr bekannt; weckt aber gleichzeitig neue Fragen und lässt uns nachsinnen. Doch was kann man von einem Buch besseres sagen?

Leseprobe
Homepage von Orhan Pamuk (englisch):
Orhan Pamuks Nobelpreisrede

Istanbul, Orhan Pamuk, Erinnerungen an eine Stadt, Hanser, November 2006
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
ISBN 10: 3-446-20826-7, ISBN 13: 9783446208261, gebunden, 432 Seiten, Euro 25,90

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