Der Islam braucht eine sexuelle Revolution: Eine Streitschrift. Sachbuch.
Seyran Ates, Ullstein, Oktober 2009


Islam

»Als ich etwa fünfzehn war, verhinderte mein ältester Bruder, dass ich eine Hose bekam, die hinten einen Reißverschluss hatte (der letzte Schrei damals). Mir war sofort klar, dass es daran lag, dass mein Po dadurch zu sehr betont wurde. Aber niemand sprach das aus. Mein Bruder sagte nein, und meine Eltern gehorchten ihm. Sie fanden es gut, dass er auf die Ehre und Moral seiner Schwester achtete. Die deutschen Freundinnen meines Bruders trugen solche Hosen. Das war für ihn natürlich etwas anderes. Ich erinnere mich noch heute, wie sich damals die Scham einstellte, die mich lange begleiten sollte.

Die Scham darüber, ein Mädchen zu sein.«

Seit etlichen Jahren radikalisiert sich der Islam, die Kopftüchter, die früher kaum zu sehen waren, haben überhand genommen und finanziert von Saudi-Arabien hat die extrem orthodoxe wahabitische Auslegung einen Siegeszug angetreten.

Doch immer schon war für den Islam vieles ayib, was Mädchen und Frauen betraf. Ates bringt eine Fülle von Material, Berichte von Muslimen, Zitate aus Koranauslegungen, die drakonischen Strafen, wenn ein Mädchen die Regeln nicht beachtet, Das ist als Ganzes nicht neu, einzeln hat man es geahnt, hier oder dort etwas gelesen.

Neu ist, dass es Ates einmal konsequent zusammengestellt hat. Dass sie es auszusprechen wagt, denn Sex und Islam, darüber spricht man nicht. Nicht als Muslim, weil es eben ayib ist, nicht als Nichtmuslim, um die Gefühle der Muslime nicht zu verletzen. Leider muss es ausgesprochen werden. Denn gerade die Tatsache, dass es unter den Teppich gekehrt wird, lässt es gären. Wer nicht über Sex sprechen mag, wittert bald überall Sex, sexualisiert alles. Viktorianische Ladies legten angeblich Tischdecken auf, die bis zum Boden reichten, damit man die Beine nicht sah – und sich dabei etwas schlechtes dachte.

Seit die Kopftücher und die Verschleierung in Kairo zugenommen haben, nehmen sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit zu. Dabei wird das Kopftuch damit verteidigt, dass es verhindere, dass Männer an Sex denken und sich von ihren Hormonen überwältigen lassen. Ich bin nicht für Sex zu haben, soll das Kopftuch sagen, doch offenbar sagt es etwas ganz anderes. Auch die verdeckten Tischbeine haben nicht verhindert, dass in den puritanischen Gesellschaften des 19 Jahrhunderts alles sexualisiert wurde. Hinter allem und jedem witterten die Moralhüter sexuelle Anspielungen.

Ates macht nicht wie viele den Fehler, dass allein dem Islam zuzuschreiben. Ausführlich erzählt und begründet sie, dass das Deutschland vor 68 ebenso prüde war. Meine Schwester durfte in der Schule nur Röcke tragen, meine Mutter war fest davon überzeugt, dass sie nur „rein“, dh. Unberührt, einen Mann finden würde und dieser Meinung waren die meisten Mütter.

Katholizismus und Islam haben mehr miteinander gemein, als so mancher wahrhaben will. Nur hat der Katholizismus sich seit 68 emanzipiert, kaum ein Katholik lässt sich heute vorschreiben, ob er Verhütungsmittel benutzen darf. Dass eine christliche Partei schwule Ministerpräsidenten duldet, wäre vor 68 völlig undenkbar gewesen. Damals stand auf Homosexualität Gefängnisstrafe, wie heute immer noch (oder schon wieder) in vielen islamischen Ländern.

Auch mit zahlreichen Vorurteilen räumt die Autorin auf, etwa der vom sinnenfrohen Islam. Zwar findet sich davon tatsächlich das eine oder andere im Koran, im Alltag der meisten Muslime sieht es aber ganz anders aus. Interessant, dass nicht nur orthodoxe katholische Theologen in jeder Frau den Teufel sahen, sondern auch viele muslimische Männer ähnliche Assoziationen hegen.

Diese rigide Moral in Tateinheit mit dem Schweigen verhindert auch Emanzipation und Demokratie, davon ist Ates überzeugt und zeigt das überzeugend in dem Kapitel über den Jungfrauenwahn.

Oswald Kolle hat in den Sechzigern, Sheron Hite hat in den Siebzigern das Tabuthema Sex öffentlich gemacht. Der Islam braucht heute ähnliches, um sich zu emanzipieren. Erscheint das manchem illusorisch? Dann möge er sich daran erinnern, wie illusorisch es Anfang der Sechziger gewesen wäre, auf ein Deutschland zu hoffen, in dem Homosexuelle sogar Ministerpräsidenten und Parteivorsitzende werden können. Gesellschaften und Religionen wandeln sich. Heute argumentieren selbst orthodoxe Islamseiten im Internet mit dem Koran gegen Zwangsheiraten. Ob das immer ehrlich gemeint ist, sei dahingestellt, aber es gibt zumindest Mädchen, denen die Zwangsverheiratung droht, Argumente in die Hand. Und Seyran Ates ist beileibe nicht die einzige Deutsch-Türkin, die es wagt, anzusprechen, was lange unter dem Teppich blieb.

Das Buch ist wichtig, weil es ein Tabu bricht. Weil es endlich einmal in der Öffentlichkeit zusammenstellt, was immer gerne verschwiegen wird. Weil es Mut macht.

Peinlich sind, wie immer bei diesem Thema, die Reaktionen. In den Leserforen der „Welt“ polemisieren Rechte aus Anti-Islam Seiten, dass eine Türkin hier in Deutschland nichts sagen darf. Der CDU Politiker Bülent Arslan meint, dass Ates Geld in der „Islamophobie“-Industrie verdiene. Offenbar hat sich die Autorin seiner Meinung nach von seinen Glaubensgenossen beinahe ermorden lassen, weil es ihr Geld bringt.

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