Himmelskörper. Roman.
Tanja Dückers, Aufbau 2003




Grübelmonster und zweiter Weltkrieg

Freia ist Meteorologin, liebt es, in den Himmel zu starren, sammelt Wolkenbilder wie andere Briefmarken. Sie hat einen Zwillingsbruder und wuchs am Stadtrand von Berlin auf, mitten im Grünen, mit Wald und einem Teich vor dem Haus, dem "Bleichen See". Futterneidhaie, Grübelmonster und Silberlügenaale lebten dort, und ihr Vater traf im Wald nachts Feen.

Manchmal kamen die Großeltern zu Besuch, Jo und Mäxchen, und Mäxchen hat ein Holzbein. "Wie ist das passiert", fragten die Kinder, aber mehr als "der Krieg" erfuhren sie nie. Hat ein Grübelmonster Mäxchen das Bein abgebissen?

Die Großmutter dagegen erzählt oft vom Krieg, von der Flucht aus Ostpreussen, wie sie anderthalb Tage am Kai bei zwanzig Grad Minus warten mussten und hatten dann doch Glück - aufgrund von Beziehungen nahm ein Minensucher sie mit und nicht die "Gustloff", die bald darauf mit siebentausend Menschen an Bord im eiskalten Wasser der Ostsee versinken wird.

Großmutter Jo ist eine beherrschende Frau, die Ehemann Mäxchen wie auch Tochter Renate fest im Griff hat. Renate sagt wenig oder gar nichts und Freia nimmt ihre Mutter als Kind kaum wahr, um so mehr ihren Vater Peter, immer zu Witzen aufgelegt, aber nie will er erwachsen sein. Doch wenn Großmutter das Elend der Flucht "dem Russen" in die Schuhe schiebt, wird sie plötzlich redselig, erzählt, wie die Nazis die Flucht erst verboten hatten, solange, bis sie nur noch über See möglich war.

Als Freia schwanger wird, als sich ihr Lieblingsonkel Kasimierz in Warschau umbringt, möchte sie wissen, wie es damals wirklich war, was es mit den Beziehungen auf sich hatte, die die Familie im Winter 45 gerettet hatten.

Wie eine Gestalt, die im Nebel erst nur undeutlich erkennbar ist, dann, wenn der Nebel sich hebt, langsam Einzelheiten preisgibt, enthüllt Tanja Dückers in ihrem Buch die Geschichte der Familie - und die Geschichte der beiden Zwillingen.

Eine spannende Suche nach der Vergangenheit, nach dem, was die Erwachsenen ihnen nie erzählt haben, nach den Personen hinter den Verwandten beginnt und führt direkt in die letzten Monate des zweiten Weltkriegs.

Die beiden ersten Kapitel aber hätten beinahe verhindert, dass ich das Buch überhaupt gelesen habe. Sie sind oft hölzern, die Sprache holpert und rüttelt, als hätte sie einen Achter oder die Autorin sich bemüht, den Sätzen extra große Steine in den Weg zu legen. Das liegt an zwei Stilkonstruktionen, die gehäuft den Leser quälen.

"Ich versuchte wieder, einen Blick auf meine Unterlagen zu werfen, aber als ich anfing, die Überschrift als zitternden schwarzen Regenwurm zu sehen, spürte ich, dass Tränen in meine Augen getreten waren."
Warum wirft die Ich-Erzählerin nicht einfach einen Blick auf die Unterlagen, sieht die Überschrift als zitternden schwarzen Regenwurm und muss deshalb weinen? Warum so kompiziert, wenn es auch einfacher geht?

Hier haben wir die klassische Situation des Vorklapps bzw. Nachklapps. Die wichtige Aussage steht im Nebensatz und was steht im Hauptsatz? "Ich versuchte, ich fing an, ich spürte". Genauer gesagt: Im Hauptsatz steht gar nichts, jedenfalls nichts, was man nicht streichen könnte, und der Text würde gewinnen.

"Für ihn waren Wolken naturale Metaphern einer Grenzen und Gesetze *überwindenden* Freiheit - und die Vorstellung, sie auf eine Weise zu systematisieren, die er als *aufgezwungene* wissenschaftliche Ordnung betrachtete, erfüllte ihn mit großem Unbehagen."

Warum können Dückers Metaphern nicht einfach Grenzen und Gesetze überwinden?

Partizipkonstruktionen sind in Mode, um die Sprache "literarisch" erscheinen zu lassen, und bringen manchmal auch Literaturpreise ein - Pardon, sind Literaturpreise *einheimsende* Stilmittel. Doch wer sie nicht wirklich beherrscht und sparsam einsetzt wie Knoblauch in einem guten Essen, lässt seine Sprache nur bedeutungsschwanger und pompös daherkommen. Ein Laster, dem nicht nur Tanja Dückers, sondern auch Günther Grass fröhnt. Wann findet sich endlich ein Lektor, der Grass, Dückers und Co. endlich mal erklärt, dass das, was im Lateinischen elegant klingt, im Deutschen unter Spachvergewaltigung fällt?

Aber wer die beiden ersten Kapitel überstanden hat, den belohnt das restliche Buch reich für seine Ausdauer. Unbedingt lesenswert, nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch ein Beispiel wie Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt.

Tanja Dückers, Himmelskörper
Gebundene Ausgabe - 319 Seiten - Aufbau-Verlag
Erscheinungsdatum: Februar 2003
ISBN: 3351029632
EUR 16,90

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