Das Hexenmal. Historischer Roman.
Deana Zinßmeister, Goldmann, Juni 2008


»Mit einer Stimme, der man anmerkte, dass sie bald für immer schweigen würde, flüsterte die Frau: „Wo ist sie ?“
Ihr Ehemann saß auf einem einfachen Schemel vor dem Bett und zuckte mit den Achseln. Er konnte seine Frau kaum sehen. Durch den dicht gewebten dunklen Baldachin über ihrem Bett fiel nur fahles Licht, er wirkte wie ein Todesumhang, der sie einhüllte. «

Silvia stirbt und das weiß sie. Aber vor ihrem Tod möchte sie noch eins regeln: Dass ihre jüngere Schwester und ihr Mann heiraten, damit die Kinder versorgt sind und eine Mutter haben. Das ist ihr letzter Wunsch. Wir schreiben 1617 und den letzten Wunsch einer Sterbenden muss man erfüllen.
Doch Katharina hat nicht vor, zu heiraten, schon gar nicht ihren Schwager, der ihr viel zu grob ist und keinerlei Verständnis für Mitleid und Armenpflege hat. Das aber ist Katharinas große Aufgabe, die deshalb jeden Sonntag ins Armenhaus geht. Ihr Schwager verbietet ihr das. Sie soll sich um die Kinder kümmern und sich auf ihre Aufgabe als seine zukünftige Ehefrau vorbereiten.

Johann, Sohn eines reichen Bauern, hat sich in Franziska verliebt. Leider ist die Magd und nicht standesgemäß und sein Vater zu allem bereit, eine Hochzeit zu verhindern. Schon dass sein Sohn diese absurde Idee hegt, zeigt, dass er verhext sein muss. Ein Liebeszauber und wer kann den schon gelegt haben, wenn nicht die bildschöne Franziska?

Burghard ist Franziskaner und muss entsprechend der Ordensregeln mit einem Mitbruder bettelnd durch die Lande ziehen. Doch der begeistert sich immer mehr für die Hexenverfolgungen. Sicher, auch Burghard glaubt daran, dass Hexen, Teufelsweiber, bekämpft werden müssen. Doch er kann kaum ertragen, was er dabei erleben muss. Da trifft er einen Theologen, der ihn mit Schriften bekannt macht, die ihm einen ganz anderen Blick auf Hexerei ermöglichen.

Fünf Menschen auf dem Eichsfeld in Thüringen, kurz vor dem Ausbruch des dreißigjährigen Kriegs. Zunächst haben sie nichts gemeinsam, doch alle fünf können so nicht weiterleben, wie sie leben müssen.

Eine spannende Ausgangssituation, eine außergewöhnlich gute Recherche und die Liebe für das Eichsfeld versprechen eine frische Lektüre. Doch leider mäandert die Erzählung bald vor sich hin und das Buch wieder aus der Hand zu legen ist an vielen Stellen einfacher und verlockender als weiterzulesen.

Der Gründe liegen auf der Hand.

Einmal sind es die ausufernden Vorhersagungen. Am Ende jedes Kapitels erfahren wir genauestens, was im nächsten passieren wird.
Ein Mann hat den Bauern Bonner belauscht und weiß nun, dass dieser Böses gegen seinen Schwager plant. Doch Bonner hat ihn im Spiegel beobachtet und weiß, dass seine Pläne bekannt werden, wenn der Mann sie ausplaudert.
So weit so gut.
Nur leider belässt es der Roman nicht dabei, sondern erzählt uns ausufernd, dass der Bauer nun einen Mord plant, etc. pp. Wir sind genau informiert, was passieren wird und wer der Mörder ist.
Das ist leider nicht nur einmal so, sondern kommt laufend vor. Schade, den das hätte sich nun wirklich leicht beheben lassen.
Auch dass die Gefühle der beteiligten Personen stets und immer ausführlichst behauptet werden, wir sie aber selten erleben, trägt nicht zur Spannung bei. Überhaupt glänzen die Figuren durch seltene Gleichförmigkeit. Die Männer denken nur das an das eine: Geld. Und die Frauen leiden deswegen furchtbar und weinen folglich ständig. Lediglich die sorgfältige Recherche und der farbige Hintergrund hat mich dann doch zum Weiterlesen animiert.
Also ein misslungenes Buch?
Nicht ganz. Denn im letzten Drittel, wenn alles fast schon verloren scheint, wendet der Roman das Blatt wie die Türkei ihre Europameisterspiele. Da packt das Hexenmal mich plötzlich. Jetzt werden die Figuren lebendig, der Volksmagier Barnabas eine schillernde Figur und der junge Franziskaner gewinnt ebenfalls eigene Statur. Auch die anderen Personen gewinnen Leben, es wird weit weniger geweint, weniger behauptet, dafür erleben wir die Gefühle.

So weckt das Buch zwiespältige Gefühle: Am Anfang fehlt eindeutig jede Spannung, die dafür im letzten Drittel plötzlich den Leser packt. Für das Buch spricht auch der historische Hintergrund. Dagegen spricht, dass man sich durch den Anfang regelrecht durchkämpfen muss.

Und ich frage mich, warum historische Romane so sein müssen. Ich verstehe ja, dass dieses Genre strikten Regeln unterliegt, dass eine ausufernde Sprache dazugehört und schematische Figuren, dass Verlage darauf pochen, dass möglichst alles nach dem gleichen Schema abläuft.

Aber gerade im letzten Drittel des Hexenmals zeigt sich, dass es durchaus auch anders ginge, ohne dass der Text gleich zur experimentelle Literatur wird. Und sind Leser historischer Romane wirklich so anspruchslos, dass man jede Spannung, jede Farbe unbedingt vermeiden muss?

Leseprobe
Autorenhomepage

Das Hexenmal, Deana Zinßmeister, historischer Roman, Goldmann, Juni 2008
ISBN-13: 978-3442467051, TB, 512 Seiten, Euro 7,95

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