Die Herrin der Wörter. Roman.
Peter Dempf, Droemer 2004




Zeit

Kiray ist Nebelzwergin und obendrein aus dem berühmten Geschlecht der Gurn. Nebelzwerge sammeln Geschichten und können sie so erzählen, dass sie für die Zuhörer lebendig werden. Doch Kiray stottert. Sie kann keine Welten erschaffen, in dem sie erzählt. Deshalb ist sie von den Versammlungen der Zwerge ausgeschlossen.

Als sie im Wald mit Kieselsteinen auf der Zunge sprechen übt, trifft sie Atreju, der auf der großen Suche nach dem Retter Phantasiens ist. Und ein Nichts, ein Loch in der Welt reißt plötzlich auf und ein Alp steigt heraus. Atreju rettet sie im letzten Moment, bevor dieser Alp Besitz von Kiray ergreifen kann. Er trägt Kiray auf, die Herrin der Wörter zu suchen, herauszufinden, was der Alp mit dem Nichts und dem geheimnisvollen Sammler zu tun hat, der Wörter stiehlt und Nebelzwerge in wilde Tiere verwandelt. Denn Wörter sind wichtig und wenn sie verschwinden, verschwindet auch das, was sie bezeichnen.

Kiray tritt eine lange Reise an, sie trifft die unterschiedlichsten Geschöpfe Phantasiens und weiß nicht, wem sie vertrauen kann. Sie reist durchs Grollgebirge und zu der verschwundenen Bibliothek in den drei Zinnen, in der sie einen Bücherwurm trifft, in die Stadt der Denker und wird von den Feuerreitern verfolgt, Zentauren retten sie, aber was haben sie mit ihr vor? Und wer ist der geheimnisvolle Sammler, der den Nebelzwergen die Worte raubt und sie verkauft? Vor allem aber: wo kann sie die Herrin der Wörter finden?

Peter Dempf knüpft direkt an Michael Endes endlose Geschichte an, an die Suche Atrejus nach dem Retter, der Phantasien vor dem Nichts bewahrt und dem Zauber, dem Menschen erliegen, die nach Phantasien gelangen. Doch Kiray als Geschöpf Phantasiens kann selbst das Nichts nicht bekämpfen, sie kann sich nur mit dem Alp auseinandersetzen, der Kälte verbreitet und den Willen einfriert, mit dem Sammler, der den Nebelzwergen die Wörter, die Sprache, die Kultur stiehlt.

Das ist auch das Problem des Buches: Überall werden Anklänge an das Vorbild wach, doch das Buch kann diese nicht ausfüllen. Kiray treibt durch die Geschichte, ohne viel selbst zu tun und was ihr geschieht, ist oft zufällig oder von anderen geplant, doch die Pläne erschließen sich dem Leser wie der Nebelzwergin nicht. Alles scheint blass, in Nebel getaucht, immer wieder tauchen Wendungen in der Geschichte auf, die willkürlich und an den Haaren herbeigezogen scheinen und warum die Worte so wichtig sind und die Herrin der Wörter gesucht werden muss, wird zwar behauptet, aber mir als Leser nicht recht klar, ganz anders als im Original, das überzeugend darstellen kann, warum Phantasie und Geschichten so wichtig sind. So ist das Ziel Kirays Suche so verschwommen wie diese selbst und auch die Figuren wechseln manchmal urplötzlich ihren Charakter, nur um eine Wendung der Geschichte zu erzwingen.

Das hält die Spannung in Grenzen und ich musste mich stellenweise zwingen, überhaupt weiter zu lesen. Dass Endes Geschichte mit ihren zahlreichen "Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden" zum Weiterspinnen verleitet, ist verständlich. Vor allem in einer Zeit der Blockbuster, wo jede Idee bis zum Geht-Nicht-Mehr tot geritten werden muss.

Kein Wunder, dass Phantasien, das Nichts, das dieses Land verschlingt und der Helden, der es durch seine Phantasie rettet, irgendwann diesem Trend folgen musste. Aber "Die Herrin der Wörter" zeigt auch die Grenzen solcher Fortsetzungsreihen. Denn Endes Geschichte ist fertig erzählt worden, sie hat eine abgeschlossene Handlung, ist mittlerweile Allgemeingut geworden und jeder, der daran anknüpfen will, muss sich daran messen lassen und eine Geschichte spinnen, die den Vergleich aushält, in der es um ebenso so viel geht, wie in Bastian Balthasar Bux' Reise nach Phantasien.

Dempf scheitert daran. Vermutlich war einfach das Vorbild eine zu große Last, zu groß die Versuchung, nicht einfach eine eigenen Phantasiengeschichte zu spinnen, sondern die vorhandenen Elemente zu verwenden. Sei es, wie es sei, das vorliegende Buch jedenfalls kann dem großen Vorbild nicht das Wasser reichen und erreicht auch bei weitem nicht das Niveau der anderen Bücher des Autors wie z.B. "Das Geheimnis des Hieronymus Bosch" oder "das Vermächtnis des Caravaggio".


Über den Autor: Peter Dempf wurde 1959 in Augsburg geboren und studierte Germanistik und Geschichte. Seit 1983 schreibt er Rundfunkbeiträge, Drehbücher, Erzählungen, Lyrik und Romane vor allem zu historischen Themen. 1989 erhielt er den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg für Literatur, 2001 den Kunstpreis des Landkreises Augsburg. 2002 verfasste er mit Ulrich Schwarz 2002 ein Schauspiel, das im Mai 2002 in Augsburg Premiere feierte.

Die Herrin der Wörter, Peter Dempf, Roman, Droemer, September 2004
ISBN 3-426-19645-X, gebunden, 408 Seiten, Euro 18,90

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