Die Gräfin: Marion Dönhoff
. Biografie.
Klaus Harpprecht, Rowohl, Oktober 2008


»Marion Dönhoff war keine Freundin der Superlative. Die bedeutendste Journalistin unter den Deutschen des 20. Jahrhunderts? Sie war das, und womöglich wusste sie es. Aber sie hätte mit dem Anflug eines Lächeln protestiert, wäre sie lauthals von einem pathetisch-professororalen Laudator oder einem der öligen politischen Schmeichler als solche gepriesen worden. Nicht undenkbar, dass ihr kleines Lächeln zugleich jenes sichere Selbstgefühl angedeutet hätte, das sie in der Regel einer ruhigen Disziplin unterwarf. Es nährte sich nicht aus ihrer Herkunft, sondern aus ihrer Leistung.«

Klaus Harpprecht hat sich Großes vorgenommen: Die Biografie der ehemaligen Zeit Chefin Marion Dönhoff.

Aus altem preußischen Adel verlor sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat, schrieb Artikel für die Zeit, wurde deren Chefredakteurin und später Herausgeberin. Kaum ein anderer Journalist hat die entstehende Bundesrepublik so geprägt wie sie.

Ein spannendes Thema, ein spannendes Buch und doch verfehlt es oft das Ziel.

Schon die ersten 60 Seiten, die die Geschichte der Familie schildern, neigen dazu, hin und her zu springen, erwähnen eine Vielzahl von Namen, lassen aber jeden roten Faden vermissen und auch die geschilderte Zeit nicht lebendig werden. Das setzt sich später fort, der Autor springt sehr gerne hin und her, ohne dass es dafür ersichtliche Gründe gäbe. Natürlich gibt es über die Jugend und das Studium der Gräfin herzlich wenig Unterlagen. Doch etwas mehr Stringenz hätte nicht nur die Lesbarkeit, sondern auch den Inhalt verbessert.

Spannend wird es, sobald das Hitler Attentat ins Spiel kommt. Für die Gräfin war das der zentrale Punkt ihres Lebens. Der engste Freund Heinrich Lehndorff fiel Hitlers Schergen zum Opfer. diese Erfahrung prägte sie, und sorgte dafür, dass aus der Adligen eine entschlossene Bürgerin wurde. So ist dieser Teil des Buches, der sich mit dem Attentat und die späteren Reaktionen der Gräfin darauf beschäftigt, der stärkste Teil.

Nicht, dass der Rest nicht interessant wäre. Auffällig, wie viele Adelige auch noch in den Fünfzigern und Sechzigern als Politiker die Bundesrepublik prägten. Das Buch nennt sie alle. Der Autor liebt es, mit Namen um sich zu werfen, kratzt dafür aber oft nur an der Oberfläche. Ganz im Gegensatz zur Gräfin selbst, die immer darauf achtete, knapp und klar das zu formulieren, was wichtig war.

Dass sie zum Beispiel ihre Redaktionssitzungen mit einer natürlichen Autorität leitete, die alle anerkannt haben, ist möglich und wahrscheinlich. Ein wenig konkreter hätte das im Buch dennoch geschildert werden können. Ließ sich Harpprecht von dem Ruf der Gräfin zu sehr einschüchtern? Traute er sich nicht, seiner Person zu nahe zu treten? Oft habe ich als Leser dieses Gefühl gehabt.

Fazit: ein durchaus lesenswert das Buch, das dennoch viel zu wenig über die Gräfin verrät.

Die Gräfin, Biografie, Klaus Harpprecht, Rowohl, Oktober 2008
ISBN-13: 978-3498029845, gebunden, 589 Seiten, Euro 24,80

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