Kleine Gemeinheiten. Erzählungen.
Parnos Karnezis, Dtv Verlag 2004





Griechische Dorfgeschichten

"Es war bereits Abend, als der Wind sich drehte und sie schließlich das Kreischen der Pfauen hörten, die auf dem Friedhof lebten. Als die Dorfbewohner dort ankamen, das verformte Eisentor aus den Angeln hoben und auf den Gottesacker marschierten, entdeckten sie, dass das Erdbeben nicht nur tiefe Furchen in den Boden gerissen, die Grabsteine umgestürzt, die seit Jahren nicht mehr nachgefüllten gläsernen Öllampen und die Vasen mit verdorrtem Immergrün zerstört, sondern auch - und das war das Schlimmste - die Särge ihrer Vorfahren exhumiert hatte.[...]
[Dabei] stießen sie auch auf einen Sarg, der mit Büchern gefüllt war, worauf sich der sichtlich verlegene Pater Gerasimo zu erklären beeilte, es handele sich um einen Haufen wertloses Papier mit den Lügen gotteslästerlicher und ignoranter Häretiker. Doch wurden auch noch andere Entdeckungen gemacht. Neben den sterblichen Überresten eines Mannes, der offenbar befürchtet hatte, lebendig begraben zu werden, fanden sie eine komplette Telegraphenanlage, in wiederum einem anderen Sarg erblickten sie fassungslos eine makellos erhaltene Leber unter den gebleichten Knochen eines seinerzeit berüchtigten Säufer; der Doktor erklärte, dass der Alkohol die Leber konserviert hatte."

Neunzehn Geschichten aus einem kleinen griechischen Dorf hat Karnezis geschrieben, vom Ehemann, der Steine statt seiner neugeborenen Kinder beerdigt; dem armen Bauern, der ein berühmtes Rennpferd erbt; dem Zentauren, der mehr Gage haben möchte und der Medusa mit Schlangen statt Haaren; von einem Dieb, der eine Schmuckschatulle klaut, aber wegen des Diebstahls von fünf Pfirsichdosen verurteilt wird und von dem Gefangenen, der den Priester mit der Pistole zwingt, ihn zu verheiraten. Die Geschichten sind voneinander unabhängig und doch verknüpft, oft findet sich die vollständige Lösung der einen erst in der nächsten und natürlich treten die gleichen Personen immer aufs neue auf, denn das Dorf hat so wenige Häuser, dass schließlich der Bürgermeister zurücktreten muss.

Ein wenig Don Camillo und Peppone, ein wenig Nostalgie und viel Phantasie finden sich hier vereint und es macht Spaß, in den Geschichten zu schmökern. Auch wenn sie kein Pageturner sind; der Leser wird das Buch nicht verschlingen, aber dafür sich jeden Abend auf eine neue Geschichte freuen. Schön, dass es auch solche Texte gibt, die in Ruhe gelesen werden wollen.

Aber eine Frage kam mir bei der Lektüre dann doch: Wenn es nicht schon vorher in England ein solcher Erfolg gewesen wäre, hätte sich ein deutscher Verlag getraut, derartiges von einem unbekannten deutschen Autor zu veröffentlichen? Schließlich widerspricht es allem, was Verlagsmarketing-Strategen als verkäuflich bezeichnen.

Über den Autor: Panos Karnezis, Jahrgang 67, stammt aus Griechenland, studierte Ingenieurswissenschaften in England, arbeitete in der Industrie und veröffentlichte 2002 mit den Erzählungen "Little Infamies" sein erstes Buch. Er hat einen MA Abschluß in Creative Writing und lebt in London.

Kleine Gemeinheiten, Erzählungen, Parnos Karnezis, Dtv Verlag
Originaltitel: Little Infamies, aus dem Englischen von Sky Nonhoff
ISBN 3-423-24396-1, broschiert, 278 Seiten, 18 €

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