Geisterfahrer. Roman.
Tom Liehr, Aufbau, Januar 2008


»Mein Pflegevater Jens, der eigentlich viel jünger war, als er aussah, hatte vier Leidenschaften. Eine davon war sein BMW, der die Familie viel – zu viel – Geld kostete und der, wie ich später erfuhr, einer der Gründe dafür gewesen war, dass sie meine Pflegschaft übernommen hatten [...]
Außerdem gab es da den Schrebergarten im Südosten von Hannover, der sommers wie winters an jedem Wochenende aufgesucht, gehegt, gepflegt und den Bestimmungen entsprechend akkurat gestutzt, gemäht und entunkrautet wurde; immerhin hatte Jens einen nicht unwichtigen Posten im Vorstand des Kleingärtnervereins inne, einen Job, der seiner vierten Leidenschaft sehr entgegenkam.«

Tim Köhrey ist sechs, als seine Eltern bei einem Autounfall sterben. Er kommt in eine Pflegefamilie, die ihn aufnehmen, weil sie das Pflegegeld brauchen. Auf dem Gymnasium befreundet er sich mit dem dicken – genauer gesagt: fetten – Kuhle. Tims Vater hat ihm wenig vermacht, aber unter dem wenigen befindet sich ein primitives, selbstgebasteltes Mischpult und eine große Plattensammlung. Mit deren Hilfe können die beiden Jungen Tapes aufnehmen und mischen, eine Tätigkeit, die sie bald perfekt beherrschen und die ihnen auf Partys Anerkennung verschafft.

Leider knutscht die Freundin mit einem anderen und Kuhle versucht, ein Mädchen zu vergewaltigen. Tim will von beiden nichts mehr wissen, lässt alles stehen und liegen, geht auf ein anderes Gymnasium und will Freundin wie Freund nie mehr sehen.

Wieder einmal schildert Liehr die Achtziger Jahre, wieder einmal Berlin und Musik und jemand, der davonläuft. Klingt das, als ob es nur ein Remake von „Radio Nights“ und „Idiotentest“ ist? Es klingt so. Aber ist nicht so. Weil Tom Liehr jedes Mal einen anderen Mann schildert, weil die Geschichten dann doch anders verlaufen, trotz des gemeinsamen Themas im Hintergrund und weil er so rasant erzählt, das man das Buch nicht mehr weglegen will.

Diesmal ist auch der Erzählstil ein ganz anderer. Nicht mehr die coole Sprache, der Witz, der den Leser auch über traurige Szenen lachen lässt. Dieses Buch erzählt sehr viel ernster, dramatischer. Verpasste Chancen, kleine und große Fluchten, die Mauern, die man selbst errichtet und dann als unverrückbar begreift und das Leben, das längst nicht so spannend und cool wird, wie man sich das mit zwanzig erträumt hatte.

Fazit: Wieder ein echter Tom Liehr und doch kein Remake, sondern ein Buch, das einen nicht mehr loslässt.

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Weitere Bücher von Tom Liehr:
Radio Nights
Idiotentest

Geisterfahrer, Tom Liehr, Roman, Aufbau, Januar 2008
ISBN-10: 3746623820, ISBN-13: 978-3746623825, TB, 330 Seiten, Euro 8,95

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