Furor. Thriller.
Markus C. Schulte von Drach, dtv, April 2005


Erinnerungsfilme

"Ein grünes Licht blinkte an der Decke über der Tür, die sich jetzt leicht nach innen drücken ließ. Sebastian trat ein in die Kathedrale der Erinnerungen, wie er das Zentrum für sich nannte. Was hier vor ihm lag, war einzigartig in der Welt. Während die Tür hinter Sebastian wieder ins Schloss fiel, flammten brummend die Deckenlampen im Gang vor ihm auf, eine nach der anderen. Zu Sebastians Rechter mündete eine Tür, hinter der sich die Bibliothek befand. Hier ruhten die Erinnerungen all derjenigen, die sich bereit gefunden hatten, ihren Gedächtnisinhalt abspeichern zu lassen, oder von jenen, die so wichtig und interessant erschienen waren, dass die Prozedur auch ohne ihre vorherige Einwilligung - im Namen des öffentlichen Interesses - durchgeführt worden war.
Die Namen von Wissenschaftlern und Politikern, Künstlern, aber auch von Mordopfern und potenziellen Mördern fanden sich auf den Etiketten der CDs, die hier aufbewahrt wurden und deren Inhalt man sich hier im Zentrum in sein eigenes Gehirn übertragen lassen konnte. "

Sebastian Raabe studiert Hirnforschung und zwar am Institut seines Vaters Christian Raabe. Der ist weltberühmt, schließlich hat er den Raabschen Kanal entdeckt, jene Hirnstelle, über die alle Erinnerungen im Kopf laufen. Was das Gedächtnis weiß, erhält es durch den Raabschen Kanal und was es zurückgibt, auch.. Bei Toten kann man über diesen Kanal sogar letzte Erinnerungen abhören und speichern. Bei Lebenden funktioniert das (noch) nicht.

Dann findet man Christian Raabe in seinem Institut tot auf dem Aufzugsdach, mit zerquetschtem Kopf. Selbstmord, sagt die Polizei. Aber Sebastian glaubt nicht daran. Das Institut war seines Vaters Leben, er hatte keine Probleme, weder persönlich, noch im Beruf und depressiv war er auch nicht.

Und die leere Whiskyflasche in Vaters Büro? Christian Raabe hat nie viel getrunken, ausgeschlossen, dass er sturzbesoffen auf das Aufzugsdach kletterte und nicht mehr wusste, was er tat.

Also tut Sebastian, was man in Thrillern in solchen Fällen tut: Er ermittelt auf eigene Faust, aber nicht ganz alleine. Denn da sind seine Studienfreunde, Mato der Chinese, Hobbes, über dessen Vergangenheit niemand etwas weiß und die Journalistin Sareah. Und gleichzeitig ermittelt ein geheimer Bundestagsausschuss über ein Massaker, das deutsche Soldaten angeblich im Sudan begangen haben ...

Das Buch hat mich hin- und hergerissen. Es beginnt außerordentlich langweilig, doch dann gewinnt es Fahrt. Zeitweilig konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Doch das dauerte nie länger als fünfzig Seiten und dann ...

Ja, dann wollte ich gar nicht mehr weiterlesen. Dann war die Spannung wieder verflogen, Langeweile machte sich breit, der Autor hob seinen Zeigefinger und deutete an (er liebt Andeutungen) und ich wusste, wie alles ausgehen würde.

Manche Bücher sind spannend, auch wenn man ahnt, wie sie ausgehen. John LéCarre kann Leser in Bann schlagen, Crichton, Eschbach können das auch, selbst dann, wenn die Handlung die üblichen Thrillerpfade entlang läuft. Wie sie das machen? Ganz einfach: Sie lassen ihre Personen leben.

Genau das tut Schulte von Drach nicht. Im Gegenteil, er hat einen Plot und mit diesem Plot hält er seine Figuren an der kurzen Leine. Was sie tun, tun sie nicht von sich aus. Was sie tun, tun sie, weil es der Autor so will. Sie leben nicht, sie sind Pappkameraden, die nötig sind, weil die Bühne nun mal mit Figuren gefüllt werden muss.

Und jetzt muss ich leider theoretisch werden. Anfänger machen gerne diesen Fehler, sie haben einen Plot und den sollen die Figuren nicht verderben. Nichts schlimmeres, als wenn die Figuren eigene Wege gehen, eigenen Motiven folgen, einen eigenen Plot schaffen. Der kalte Schweiß bricht dem Autor aus. "Zurück, zurück", befiehlt er und zerrt an den Fäden, an denen seine Charaktere baumeln. Anstatt ihnen Raum zu geben, die Leine lang zu lassen, sich zu freuen, dass die Personen selbst handeln, nicht das tun, was der Autor vorgesehen hat.

Denn dann - und nur dann! - passiert in einer Geschichte unvorhergesehenes. In Furor geschieht das immer nur kurz. Schnell wird die Leine wieder angezogen, die Figur wieder in das vorgesehen Gleis geschoben und alles geht seinen (vorhersehbaren) Gang. Dass der Autor im Text außerdem immer wieder hervorlugt, dem Leser zuflüstert, was passiert, statt es ihn anhand der Personen erleben zu lassen, macht es nicht besser.

Am krassesten tritt das Problem am Schluss auf. Selten habe ich Personen so steif, so das reden hören, was der Autor dem Leser sagen möchte. Das, was sie sagen, mag politisch korrekt sein, glaubwürdig ist es nicht. Verdammt, warum können die nicht reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist?

Auch was hinter dem Massaker im Sudan steckt, weiß ein halbwegs intelligenter Leser nach wenigen Seiten. Das ist nicht schwierig zu erraten. Warum es geschieht, das ist, was interessant wäre. Aber genau das verrät uns das Buch nicht. Und auch die tatsächlichen Begehrlichkeiten der Militärs, nämlich Soldaten zu haben, die Menschen umbringen, ohne traumatisch geschädigt zu werden, die Soldaten zu erkennen, die wirklich den Feind ohne Hemmungen töten können, auch das scheint im Buch gänzlich uninteressant zu sein. Seltsame Militärs, die.

Auch auf die angekündigten hochbrisanten Fakten aus den Neurowissenschaften wartet man vergebens. Genauestens wird das MKULTRA Projekt des CIA in den fünfziger und sechziger Jahren geschildert. Der Versuch, Menschen mit Chemie und Gehirnwäsche zu manipulieren. Aber das ist nicht neu und seit über dreißig Jahren bekannt. Auch die Droge, die im Buch eine Rolle spielen, ist zwar fiktiv, aber zwanzig Jahre alt. Warum sich Geheimdienste dafür interessieren? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Na gut, Geheimdienste machen die seltsamsten Sachen.

Was neu ist in dem Buch, das ist die Aufzeichnung der Erinnerungen. Was wäre wenn ...

Ganz so phantastisch ist das nicht mehr, die Neurobiologie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Manches davon ist mehr als beunruhigend, manches davon lässt sich ganz sicher missbrauchen. 1984 ist ein ganzes Stück näher gerückt und Brave New World auch.

Aber nicht "Furor". Denn dieser Raab'sche Kanal, diese Aufzeichnung von Erinnerungen spielt für die Handlung nur eine marginale Rolle. Und auch die Weiterentwicklung dieser Technik weckt zwar verständlicherweise die Begehrlichkeiten von verschiedenen Organisationen, aber mehr auch nicht. Für einen Wissenschaftsthriller ist das zu wenig und so hat das Buch meinen Lesehunger gestillt wie ein Hamburger meinen Magen. Irgendwie ist man voll, aber Hunger hat man trotzdem noch. Den Vergleich mit Crichton hält das Buch in keiner Weise aus.

Fazit: Furor ist ein klassischer Thriller, mit allem, was dazugehört, teilweise sehr spannend, teilweise aber auch nicht und ohne irgendwelche herausragende Eigenschaften. Thrillerfans werden es nebenbei verschlingen, für alle anderen dürfte es eher magere Kost sein. Da greift man besser zu "Brave New World", das ist aktueller. Oder zu "Der letzte seiner Art".

Leseprobe

Über den Autor: Markus Christian Schulte von Drach, Jahrgang 1965, ist promovierter Biologe, Dissertation bei Hubert Markl, früherer Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Er arbeitet als Politikredakteur bei sueddeutsche.de. Zuvor Wissenschaftsjournalist u. a. für die 'Süddeutsche Zeitung', die 'Berliner Zeitung', 'Neue Zürcher Zeitung', 'Die Welt'. Der Autor lebt in München.

Furor, Markus C. Schulte von Drach, Thriller, April 2005, dtv
ISBN 3- 423-24440-X, kartoniert, 359 Seiten, Euro 14,50

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