Die Flucht. Roman.
Tatjana Gräfin Dönhoff/Gabriela Sperl, Bloomsbury, März 2007


""Wer war es?", hatte er sie wütend gefragt. "Du wirst ihn heiraten."
Lena schwieg, denn sie hatte beschlossen, dieses Geheimnis nie zu lüften. Sie liebte Christian zwar, aber er war verheiratet, hatte drei Kinder und ein Gut in Schlesien. Sie wollte nicht der Grund sein, dass seine Familie auseinanderbrach. Deshalb erzählte sie Christian auch nicht von dem Malheur."

Tatjana Gräfin Dönhoff hat die Flucht ihrer Großtante Marion Gräfin Dönhoff 1945 von Ostpreußen nach Westfalen verwendet, um daraus einen Film und einen Roman zu machen.

Lena kehrt 1944 zurück auf das Gut ihrer Familie bei Preußisch Holland. Hier auf dem Land scheint alles noch friedlich. Keine Bombenangriffe, genug zu essen und niemand denkt an den Krieg - zumindest redet niemand davon.

Doch die russische Front im Osten rückt immer näher heran, die deutsche Front löst sich auf, die Nazis verkünden Durchhalteparolen und die Zwangsarbeiter auf dem Hof, Kriegsgefangene aus aller Herren Länder, werden unruhig. Francois, der Führer der Zwangsarbeiter, zieht Lena auf merkwürdige, geheimnisvolle Weise an.

Bald dämmert es allen, dass Ostpreußen von russischen Truppen in die Zange genommen wird und dass die Soldaten blutige Rache für all die Morde und Verwüstungen der Deutschen nehmen werden. Die Deutschen müssen fliehen, aber Flucht gilt als Defaitismus und darauf steht der Tod.

Erst im Januar 45, als die Russen schon vor der Haustür stehen, geben die Behörden die Treckerlaubnis. Die Bewohner von Mahlenberg verlassen ihre Heimat, reihen sich ein in einen endlosen Strom der Flüchtlinge, die über das zugefrorene Haff ziehen, weil alle Brücken gesprengt wurden. Eine wochenlange Irrfahrt beginnt, die erst in Niederbayern endet. Und dort begegnet Lena wieder Francois, zu dem sie eine stürmische Liebe entwickelt hat.

Das Buch ist kein Roman, sondern ein Buch zu einem Film. Mit Regieanweisungen, nacherzähltem Film, ohne eine Bearbeitung, die daraus einen Roman gemacht hätte. Manchmal ist es dennoch spannend, an anderen Stellen hat es aber den Reiz einer Mittelstufen-Nacherzählung. Und mit der ursprünglichen Flucht der Zeit-Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff hat sie nur noch wenig zu tun.

Was noch weit mehr auffällt, ist die historische Genauigkeit, die vor allem durch Abwesenheit glänzt. Da repariert die Organisation Todt die Straße auf der Landzunge - ein wahres Wunder, bedenkt man, dass diese Organisation 1942 bereits aufgelöst wurde. Da werden Pferdeleichen nicht gegessen, weil die Verwesung gefährlich ist - wie Fleisch bei -30 Grad Tiefkühltruhentemperatur verwesen soll, verrät uns die Autorin nicht.

Obendrein bekomme ich den Eindruck, dass so ziemlich alles, was bekannt und politisch korrekt ist, in diese Geschichte hineingewebt werden sollte. Da begleitet beispielsweise Heinrich, Lenas Versprochener, den Treck wochenlang, obwohl er Offizier und Wehrmachtsrichter ist, es seit langem so gut wie keine Urlaubsbestätigungen mehr ausgestellt werden und er obendrein immer noch von Pflicht redet. Das Rätsel löst sich erst am Schluss: Da man dem Leser eine Erschießung von angeblichen Fahnenflüchtigen bieten wollte, brauchte man einen Richter.

Dafür ist eine politisch korrekte Liebesgeschichte eingewebt, zwischen Francois, dem Anführer der Zwangsarbeiter und Lena, die so gekonnt beschrieben wird wie: "In ihr breitet sich eine schmerzliche Sehnsucht aus, die jede Faser ihres Körpers erfasst". So trägt das Buch an manchen Stellen durchaus zur Erheiterung der Leser bei, wenn auch unfreiwillig.

Auch Nazis kommen in dem Buch vor, das lässt sich nicht vermeiden. Aber die sind natürlich von einem anderen Stern, Außerirdische, mit denen die anständigen Gutsleute nichts zu tun haben. Außer einem verblendeten Hitlerjungen, der die Rolle des schwarzen Schafs spielen muss.

So wirkt das Buch harmlos, verglichen mit den Schilderungen tatsächlicher Zeitzeugen, harmlos sowohl, was die Nazis angeht, als auch, was die Flucht betrifft. Sämtliche möglichen Bedrohungen kommen zwar vor, werden aber bald von den Autorinnen aus dem Weg geräumt. Ein wenig wie Abenteuerurlaub im Krieg. "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" goes war, Seifenoper spült Nazis, Krieg und Vertreibung weich.

Schade, wenn man schon selbst keine Geschichte auf dem historischen Hintergrund schreiben konnte, hätte man besser die Originalgeschichte von Marion Gräfin Dönhoff nehmen sollen, die in "Namen, die keiner mehr nennt" nachzulesen ist. Sie bietet nicht nur einen weit korrekteren Eindruck in die damalige Situation, obendrein liest sie sich auch spannender und vor allem: Sie handelt von lebendigen Menschen. Denn so gut wie niemand in "Die Flucht" scheint lebendig zu sein, es sind Figuren, denen man ansieht, dass sie an den Fäden der Autorinnen hilflos zappeln, Pappkameraden, deren Aktionen dem Leser so ferne bleiben wie ihre Motivationen.

So erinnert das Buch denn auch an Klaus Modicks "Bestseller", der beschreibt, wie eine durchaus ähnliche Geschichte bildschirmwirksam konstruiert wurde - und ebenfalls von einer Großnichte, die sich auf ihre Tante beruft.

Die Flucht, Roman, Tatjana Gräfin Dönhoff/Gabriela Sperl, Verlag, 2006
ISBN 10: 3827007151, ISBN 13: 978-3827007155, gebunden, 352 Seiten, Euro 19,95

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