Feuerschlucker. Jugendroman.
David Almond, Hanser 2005



Erwachsenwerden in der Cuba Krise

"Ich sah Joseph nach, dann zog ich Schuhe und Socken aus und watete in das eiskalte Meer. Ich schöpfte Wasser und spülte mir den Mund aus. Ich meinte, Blut zu schmecken, aber wahrscheinlich war es nur das Salz. Die Nacht war klar und hell. Ich versuchte, den Horizont zu erkennen, um zu sehen, wo Sterne zu Spiegelbildern von Sternen wurden. Ich beobachtete die Lichter der Flugzeuge. Ich versuchte, das ferne Dröhnen der Motoren vom allgegenwärtigen Tosen des Meeres zu unterscheiden. Ich blickte nach Osten. Wenn die Flugzeuge mit den Bomben kämen, würden sie dann von dorther kommen? Ich versuchte sie mir vorzustellen, große kreuzförmige Schatten ohne Lichter, unmissverständliches Dröhnen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, wenn alles zerstört sein würde: kein Strand, keine Dünen, kein Haus, keine Familie, keine Freunde, kein Ich. Nichts. Nichts mehr, nur noch die giftig träge See und Schwaden von giftigem Staub. "

Bobby lebt in Nordengland, direkt an der Küste in dem kleinen Ort Keely Bay. Wir schreiben 1961 und die Cuba-Krise ist auf dem Höhepunkt. Es sind große Ferien und danach wird Bobby auf die höhere Schule gehen und viele seine alten Freunden verlieren. Bildung gilt nicht viel in diesem kleinen Arbeiterort. Seine Freundin Ailsa hat die Aufnahmeprüfung zwar bestanden, aber die Mutter ist tot und sie muss für den Vater und die Brüder den Haushalt versorgen.

Dann zieht noch Daniel in einem Haus direkt am Strand ein, Daniel, dessen Eltern Intellektuelle sind, so ganz anders als alle die anderen Leute in dem Ort.

Im Gymnasium herrscht ein sadistischer Lehrer, der mit seinem Ochsenziemer Angst und Schrecken unter den Schülern verbreitet. Nur Daniel widersetzt sich ihm. Auch die Erwachsenen haben Angst. Chrustschow und Kennedy liegen im Clinch und jeder fürchtet, dass jemand die Nerven verliert, auf den roten Knopf drückt und die Welt im Atomkrieg verbrennt.

Eine poetische Geschichte hat David Almond da geschrieben, über das Erwachsenwerden, über Zivilcourage und darüber, wie unterschiedliche Menschen doch zusammenkommen. Stilsicher, mit lebendigen Figuren, die zahlreichen Preise hat es zu Recht verdient. Eltern werden es begeistert lesen.

Ob auch Jugendliche? Da habe ich meine Zweifel. Natürlich gibt es genug Jugendliche, die auch Erwachsenenbücher lesen. Eine Nichte von mir hat mit zwölf Brave New World gelesen. Aber typisch ist das nicht.

Und ich vermute, dass wir es hier eigentlich mit einem Erwachsenenbuch zu tun haben. Die zahlreichen Ebenen, die der Autor geschickt verknüpft, die poetischen Anspielungen, da wird sich mancher Jugendliche noch mit schwer tun. Aber macht nichts, im Zweifelsfall können es die Eltern es lesen (das sollten sie sowieso tun) und einfach testen, ob der Nachwuchs sich auch dafür interessiert.

Leseprobe
Homepage des Autors

Über den Autor: David Almond wurde 1953 in eine große katholische Familie in Newcastle geboren. Er arbeitete als Hotelportier, Postbote und Lehrer. Letzteres, weil er dem Irrglauben anhing, Lehrer sei der ideale Beruf für jemand, der Autor werden wollte. Und das wollte David Almond schon immer.
Als die ersten Kurzgeschichten von ihm veröffentlicht wurden, verkaufte er sein Haus und kündigte die Lehrerstelle, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sein erstes Buch "Skellig" (Zeit der Monde) wurde gleich ein Erfolg und erhielt zwei Kinderbuchpreise. Auch Feuerschlucker gewann den Nestle Smarties Prize Gold Award 2003 und den Whitbread Children's Book of the Year Award 2003
Heute lebt David Almond in Northumberland direkt hinter dem ehemaligen Hadrianswall.

Feuerschlucker, David Almond, Hanser Verlag, Februar 2005
Originaltitel: The Fire-Eaters, aus dem Englischen von Uli und Herbert Günther
ISBN 3446206019 gebunden, 204 Seiten, Euro 15,90

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