Mein erster Mörder. Roman.
Vladimir Vertlib, Zsolnay, Februar 2006


Lebensgeschichten

Drei Lebensgeschichten, drei Reportagen und doch hat Vertlib in jeder auch seine eigene Phantasie einfließen lassen.
Ein bisher unbescholtener Mann wird im Affekt zum Mörder und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Jetzt erzählt er von seiner Kindheit, von dem Vater, der zum Volkssturm kam, desertierte, aber hat er vorher Juden erschossen? Und die Großtante, die mit dem Buben in einem Zimmer schlief und ihn beim Onanieren erwischte, was weiß sie wirklich, was ist erfunden?
Ein Mädchen wächst vor dem zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei auf, der Vater ist Halbjude, die Mutter Tschechin, die Familie gehört zu den reichsten in dem kleinen Städtchen. Dann marschieren die Nazis ein. Der Vater erlangt durch Beziehungen die Parteimitgliedschaft in der NSDAP, das Mädchen wird in den BDM aufgenommen, doch kann beides die Familie wirklich schützen? Und was ist der Preis, welche Verrenkungen müssen beide machen?
Zwei junge Burschen beschließen vor den Nazis nach Palästina zu fliehen. Und zwar durch den Balkan, obwohl sie nichts, aber auch gar nichts über die Fluchtroute wissen.
Drei Lebensgeschichten erzählt uns Vertlib, keine davon ist eine Heldengeschichte, eher die Geschichte von gewöhnlichen Menschen unter sehr ungewöhnlichen Umständen. Wo bleibt die Moral, wenn Amoral Pflicht wird? Was tut Geschichte denen an, die sie erleben, erleiden und was für Auswirkungen hat das auf die Personen, auf deren späteren Lebensweg?
Vertlib schildert uns das, ohne Heldenverehrung, mit allen Konsequenzen, unaufgeregt, aber desto mehr rühren uns seine Worte. Wie immer bewahrt er seinen Humor, ja, es scheint, dass diese Sorte Humor erst dort gedeiht, wo es eigentlich nichts zum Lachen gibt.
Doch warum warum erzählt er uns eine Reportage, warum wählt er nicht gleich die Form der Geschichte? Die Stellen, wo er nicht als Erzähler, sondern als Reporter auftritt, sind eindeutig die schwächsten in diesem Buch und seine Figuren wirken diesmal nicht ganz so eindrücklich wie in seinen anderen Büchern. Und es ist keine Reportage, er hat, so sagt er, einiges in den Geschichten verändert. Sie gleich als Erzählung, statt als Reportage zu schreiben, wäre besser gewesen.
Was nichts daran ändert, dass Vertlib ein begnadeter Schriftsteller ist, vom deutschen Feuilleton sträflich vernachlässigt; nur die Schweizer NZZ widmet bisher seinen Büchern die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

Fazit: Drei Lebensgeschichten, geschrieben von einem der besten deutschsprachigen Autoren, verweben Geschichte und Gegenwart und erzählen uns mehr über das zwanzigste Jahrhundert als manches Geschichtsbuch.

Leseprobe

Über den Autor: Vladimir Vertlieb wurde 1966 in Leningrad geboren, seine Familie emigrierte 1971 nach Israel, später übersiedelte er nach Österreich, wo er Volkswirtschaft studierte. Heute lebt er in Salzburg. 1995 erschien sein erstes Buch ("die Abschiebung"), für "das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" erhielt er den Adalbert-von-Chamisso Preis.

Mein erster Mörder, Vladimir Vertlib, Roman, Zsolnay, Februar 2006
ISBN 3552060316, gebunden, 252 Seiten, Euro19,90

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