Erbin des verlorenen Landes. Roman.
Kiran Desai, Berlin Verlag, August 2006

""Sag ‚Jai Gorkha', befahlen sie dem Richter. "Gorkhaland den Gorkhas."
"Jai Gorkha"
"Sag ‚Ich bin ein Trottel.'
"Ich bin ein Trottel."
"Lauter. Ich kann dich nicht hören, huzoor. Sprich lauter!"
Mit derselben tonlosen Stimme wiederholte der Richter den Satz.
"Jai Gorkha", sagte der Koch und Sai ergänzte: "Gorkhaland den Gorkhas", obwohl niemand sie dazu aufgefordert hatte.
"Ich bin ein Trottel", sagte der Koch.
Kichernd verließen die Männer die Veranda und schritten, gemeinsam die beiden Truhen schleppend, hinaus in den Nebel. Auf einer von ihnen stand in weißen Lettern auf das schwarze Blech gemalt: "Mr. J.P. Patel, SS Strathnaver". Auf der anderen stand: "Miss S. Mistry, Augustinerinnenkloster"."

Nicht weit von Darjeeling liegt Kalimpong. In der Nähe hat sich vor hundert Jahren ein Schotte ein Haus bauen lassen, mit Blick auf den Kangchenjunga, den höchsten Berg Indiens, von dem Blick erhoffte er sich Romantik und Weisheit. Doch die Kolonialzeit ist lange vorbei, jetzt ist das Haus verfallen, nur noch ein pensionierter indischer Richter wohnt darin mit seinem Koch und seiner Enkelin Sai.

Auch wenn die Kolonialzeit lange vorbei ist, spricht und lebt der Richter englisch, wie so viele seines Standes. Nachmittags gibt es Tee und Gebäck, er hat in Cambridge studiert. Die Briten gestatteten Indern, auf altehrwürdigen englischen Universitäten zu studieren, auf den gleichen Bahnhofsbänken wie Europäer zu sitzen, war ihnen verboten. Den Spagat zwischen englischer Kultur und indischer Herkunft verdrängt der Richter, er weiß, dass er ihn nicht lösen kann. Zu Menschen hat er keine Beziehung, er scheut die Nähe, seine Ehe ist gescheitert, einzig die Hündin Mutt teilt sein Bett und sein Herz. Ein Wunder, dass er seine Enkelin überhaupt bei sich aufnahm, als sie nach dem Tod ihrer Eltern das Nonneninternat verlassen musste.

Der Koch trauert den Zeiten nach, als er für Engländer arbeitete, in Häusern mit zahlreicher Dienerschaft. Er hat einen Sohn in Amerika ist. Mittlerweile gilt Amerika mehr als England, dort kann man reich werden, wenn man hart arbeitet. Sein Sohn soll Karriere machen, er soll es besser haben, als seine Eltern. Biju jobbt in den verschiedensten Restaurants für wenig Geld, denn er ist einer der Illegalen und schreibt begeisterte Briefe über seine Erfolge nach Hause.

Dann kommt ein neuer Privatlehrer, Gyan, für Sai ins Haus, ein junger Student. Er wird Sais erste Liebe. Aber auch Romantik hat Tücken, Gyan ist Ghorka, Nepalese, kommt aus armer Familie wie alle Nepalesen, die zwar die Bevölkerungsmehrheit in der Gegend stellen, aber verachtet sind und nichts zu sagen haben. In Darjeeling geben reiche Bengalis den Ton an, die dorthin ihre Söhne und Töchter auf Internate schicken.

Bald bricht eine Revolte los, "Ghorkaland den Ghorkas" und die junge Liebe hält dieser Belastung so wenig stand wie die Idylle in dem alten Hauses, die keine Idylle war, sondern Selbsttäuschung. Der Ghorka National Liberation Front geht es wie so vielen anderen mit gerechten Anliegen, aus denen bald Selbstgerechtigkeit wächst und in Machthunger und Gewalt umschlägt. Liebe hat da keinen Platz.

Kiran Desai hat ein begeisterndes Buch über Indien, seine sozialen und nationalen Konflikte geschrieben. Vor allem aber über Menschen, sie lässt ihre Figuren, deren Leben und Wünsche vor uns Lesern lebendig werden, malt mit Worten das atemberaubende Panorama des Himalaya und die gesellschaftlichen Umstände, aus deren Idylle eine explosive Mischung aus Terror und Gegenterror, aus Gewalt und Erpressung wächst. Auf diesem Hintergrund lässt sie die fünf so unterschiedlichen Hauptfiguren agieren, den Koch und seinen Sohn, den nepalesischen Privatlehrer, den Richter und seine Enkelin und zahlreiche Nebenfiguren, die alle ihre eigene Geschichte haben.

Indien, seine nationalen und sozialen Konflikte, der Spagat zwischen Moderne und kolonialer Vergangenheit, wird so lebendig, dass dieses Buch vermutlich mehr über diesen Subkontinent verrät als viele Sachbücher. Obendrein ist der Roman gekonnt geschrieben und komponiert; wie bei einer Zwiebel häutet Desai dem Leser eine Schicht nach der anderen ab und jedes Mal zeigt sich etwas neues. So erinnert dieser Roman an "das Hotel New Hampshire" von John Irving, an "das Geisterhaus" von Isabelle Allende, aber auch an "Scham und Schande" von Salman Rushdie, ohne dass es ein Abklatsch wäre. Dafür sorgt schon die ganz eigen komponierte Geschichte und der meisterhafte Stil, beides sorgt dafür, dass man dieses Buch kaum aus der Hand legen mag.

Die Autorin zeigt uns die Torheit der Menschen, aber sie mokiert sich nicht über sie. Im Gegenteil, sie wachsen uns ans Herz, bei allen kulturellen Unterschieden finden sich zu viele Gemeinsamkeiten; Wer selbst noch nie Selbsttäuschungen nachlief, werfe den ersten Stein. Und dass aus gerechten Anliegen selbstgerechte Überheblichkeit und Arroganz wächst, auch das ist nicht nur in Indien so. Wann gibt es in Deutschland einen vergleichbaren Roman über 68, ohne Verklärung, ohne Verurteilung?

Fazit: Ein Lesefest der ganz eigenen Art, für Liebhaber von Indien, von Familienromanen, aber eigentlich für jeden Bücherfan ein Muss.

Über die Autorin: Kiran Desai, Tochter der Schriftstellerin Anita Desai, wurde 1971 geboren. Sie studierte an der Columbia University und lebt heute abwechselnd in Indien, England und den USA. Ihr erster Roman erschien in Deutschland 1998 unter dem Titel Der Guru im Guavenbaum.

Erbin des verlorenen Landes, Kiran Desai, Roman, Berlin Verlag, August 2006
Originaltitel: The Inheritance of Loss, ins Deutsche übersetzt von Robin Detje
ISBN 10: 3-8270-0683-X, ISBN 13: 978-3-8270-0683-7, gebunden, 431 Seiten, 19,90 Euro

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