Endstufe. Roman.
Thor Kunkel, Eichborn Verlag 2004



Oh du schöner Sittenwald

"Weißt du was? Das nächste Mal besorgen wir uns eine anständige Filmnutte. Eine, die weiß, was erwartet wird. So ein Debakel wie mit dieser Heide passiert mir nie wieder."
"Sie war erkältet.", sagte Holsten.
"Ach was - Frauen in diesem Gewerbe läuft immer die Nase." Ferrie lehnte sich zurück. "Die wollte einfach mehr Geld. Aber anstelle es zu sagen, hat sie es auf die Mitleidstour versucht:"
"Immerhin hatte sie Gänsehaut."
"Gänsehaut? Im Sonnenschein? Wie konntest du das überhaupt sehen? Aus zehn Metern Entfernung?"
Holsten schnaubte. "Ich hatte das Tele drauf. Du weißt schon, wegen der Nahaufnahmen. Es war kalt und sie stand nackt gefesselt an einem Baum. Jeder hätte unter diesen Umständen gefroren."
Ferrie schien zu überlegen. "Stimmt nicht ganz", sagte er dann.
"Was?"
"Sie stand nicht einfach nur da - sie wurde gepeitscht und gefickt. Und jetzt Film ab, Maestro, oh du schöner Sittenwald.""

Ferfried Graf Gessner, genannt Ferrie, SS-Mann am SS-Hygieneinstitut und Aurel B. Horsten, Kameramann und fahnenflüchtig, gründen die Sachsenwald Naturfilm GmbH. Mit dabei ist Pfister, ein Frauenarzt und zuständig für die Drehbücher. Wir schreiben das Jahr 1941, aber der Krieg ist weit weg. Noch kann, wer Geld oder Beziehungen hat, sich vor der Einberufung drücken.
Außerdem veranstaltet Ferrie Partys auf einer Jagdhütte. Das Wochenende kostet 100 Reichsmark und das sichert die Exklusivität. Es gibt Niggerjazz und neue Drogen. Die Nazis nimmt das Völkchen nicht so ganz ernst. Der Hitlergruß ist verpönt, es sei denn, man exerziert ihn in schwuchtelhafter Weise. Doch Gegner des Naziregimes sind sie allesamt nicht, dazu verdienen sie zu gut am dritten Reich. Nur das proletenhafte, das stößt ab. Und Hitler, Vegetarier, Nichtraucher und Antialkoholiker, ich bitte sie!
Da ist auch noch Fußmann, der Untergebene Ferries am Hygieneinstitut. Leider gerät er an die Darstellerin eines der Pornofilme und verfällt ihr. Diese Lotte lebt in dem Berliner Edelpuff "Harem" und das kostet Fußmann dreihundert Mark die Nacht. Sein Gehalt reicht nicht und Vermögen wie Ferries Partybesucher hat er auch nicht. Bald ist er mit der Miete im Rückstand und die Bank sperrt ihm das Geld.
Da macht Ferrie ihm ein Angebot: Er könnte doch neben seiner Stelle für die Sachsenwald Naturfilme arbeiten. Natürlich nimmt Fußmann das Angebot an. Und als er zu Malariatests nach Lybien versetzt wird, hat er mehrere Filmrollen im Gepäck. Doch als er aus dem Flugzeug steigt, ist Ferrie bereits tot, eine Granate hat ihn zerfetzt. Oder war das ganze nur ein Trick, damit Ferrie, der wegen seiner Pornos bereits von der Gestapo verfolgt wird, untertauchen kann?
Thor Kunkel kann schreiben, kein Zweifel. Er versteht es, Ferrie, Holsten und Fußmann zum Leben zu erwecken und mit ihm das ganze Umfeld aus Hygieneinstitut und Haut Volée. Die Pornoszenen sind manchmal pornografisch, manchmal erotisch, manchmal witzig. Nicht immer gelingt dem Autor der Witz, manchmal produziert er nur eine Stilblüte.
Der Roman entwickelt sich mit dem Abtauchen von Ferrie und der Flucht des Kameramannes, der ebenfalls von der Polizei gesucht wird, zum Thriller. Und dann kippt er.
Denn als der reale Krieg in das Leben der fröhlich-unbeschwerten Filmer einbricht, da verlassen Kunkel alle seine Fähigkeiten und er macht auf Moral. Auf Doppelmoral. Die Edelnutte, sonst nur auf ihr Vergnügen und ihre Drogen fixiert, beklagt wortreich den Bombenkrieg. Leider klingt ihr Jammern über "die Verletzung der Genfer Konvention" mehr als aufgesetzt. Sie sitzt in einer relativ sicheren Villa, direkt neben Heinz Rühmann und ob sie jemals etwas von Genfer Konvention gehört hat, scheint mir doch sehr zweifelhaft. Auch die anderen, die früher brennende russische Dörfer als Hintergrund ihrer Fickfilme verwendet hatten, entdecken nun plötzlich ihre Empörung.
Dabei sind sie doch alle der Meinung, dass der Humanismus ein großer Irrtum ist, weil die Menschen nicht human seien. Träumen vom "jubelnden Fleisch", das die neue Zukunft sein werde und mancher von ihnen ist Anhänger der zahlreichen okkulten Theorien, die im dritten Reich so in Mode waren.
Natürlich entdeckt, wer von Moral nichts hält, die Moral wieder, wenn es ihm an den Kragen geht. Das wäre noch halbwegs glaubhaft, wenn, ja wenn der Autor diese Wandlung seiner Figuren verdeutlichen würde.
Stattdessen dienen die Personen jetzt nur noch dazu, des Autors Empörung über die Bomben der Angloamerikaner auszusprechen und über die Vergewaltigungen der Russen. Aus lebenden Menschen werden im letzten Drittel Marionetten, die hölzern und unglaubwürdig das sagen, was Thor Kunkel sie sagen lassen möchte, nicht das, was sie selbst glauben.
Und die Vergewaltigungsszene, die er dann noch anfügt, ist keine Vergewaltigung durch Russen, sorry, es ist eine Szene aus einem der Pornostreifen und unterscheidet sich durch nichts von einer der Szenen, die am Anfang dem Leser als Drehbuchentwürfe mitgeteilt wird. Die beteiligten Russen sind keine Russen, sondern offensichtlich Statisten, diesmal mit russischen Uniformen verkleidet statt mit dem Wildhütergewand in den Sachsenwaldfilmen. Kunkel zeigt die Szene, "schaut wie unmenschlich" sagt er und leckt sich dabei die Lippen. Doppelmoral pur.
Das ist nicht nur peinlich, das ist obendrein infam all den Frauen gegenüber, die tatsächlich vergewaltigt wurden.
Doch es kommt noch schlimmer. Nach dem Krieg findet sich ein US-Offizier, den Kunkel "Schinder" nennt, damit die Leser auch gleich begreifen, wie abscheulich dieser Mann ist. Weshalb abscheulich? Er will Pornos drehen und tut sich dazu mit Ferrie zusammen. Und Ferrie, der Pornograf vom Sachsenwald, ist "natürlich" geschockt. Die Edelnutte Lotte zerbricht sich derweil den Kopf darüber, dass jetzt die Amerikaner regieren und die haben ja, man weiß es, nur Geld im Kopf. Eigentlich sollte sich Lotte gut mit ihnen verstehen, denn das ist es, was diese Dame hochgradigst interessiert. Irgendwoher muss schließlich das Geld für den Koks kommen.
Thor Kunkel aber lässt sie sich jetzt empören. Materialistisch ist das und obendrein kaufen die Amis sich noch ihre Frauen. Wie abscheulich! Da sind wir Deutsche doch anders. Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie dieser Ami.
Kein Wunder, dass dieses Buch ihm den Vorwurf einbrachte, die Nazis zu verharmlosen. Obwohl der vermutlich gar nicht mal berechtigt ist.
Denn was wäre gewesen, wenn der Autor aus dem Stoff wirklich ein gutes Buch gemacht hätte? Die Hälfte gekürzt, die Stilblüten gestrichen und einen ehrlichen Schluss, wie der echte Krieg in das Leben dieser Dandys einbricht? Er hätte - vielleicht - die eine oder andere wohlwollende Kritik in den Feuillitons erhalten. Aber ganz sicher nur 1% der Aufmerksamkeit, die er jetzt erhalten hat. Und auch bestensfalls 10% der Einnahmen. Ob Rowohlt und Eichborn ihm auch dann einen Vertrag angeboten hätte? Wenn, dann sicher mit weit weniger Vorschuß.
Wollen wir Thor Kunkel deshalb einen Vorwurf machen? Wer von uns hätte ein Buch gekauft über drei SS-Chargen, die Pornofilme drehen? Da klingt die Aussage: "Die Nazis haben Pornofilme gedreht, um Devisen zu bekommen" doch weit interessanter. Sex und Crime, Nazis und Pornos, das ist doch was, daran kann man sich ergötzen und sich nachher darüber empören. Gleich doppeltes Vergnügen. Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie Thor Kunkel.
Anzumerken sind noch die zahlreichen historischen Fehler, so zahlreich, dass man fast vermutet, sie seien Absicht gewesen. Da marschieren die deutschen Soldaten Februar 1942 nach El Alamein ab. Deutsche waren eben immer schon pünktlich. Jedenfalls kamen die Soldaten so nicht zu spät, die Schlacht von El Alamein fand erst fast ein Jahr später statt. Und bereits 41 sorgen sich einige über die Kämpfe bei Stalingrad. Gut, wenn man so hellseherisch ist. Die Schlacht von Stalingrad begann im Herbst 42. Auch Herzkatheter gibt es und Waschmaschinen gehören zur Standardaustattung der Wohnungen. Und das Wehrmachtmagazin in Lybien besitzt bereits deutsche Nylonstrümpfe. Erstaunlich, wurden die doch erst am 15. Mai 1940 in New York vorgestellt und kosteten immerhin 250 Dollar pro Paar. Da muss es wohl bisher unbekannte Handelskanäle zwischen New York und dem deutschen Afrikakorps gegeben haben.

Über den Autor: Thor Kunkel, 1963 geboren, studierte bildende Kunst in Frankfurt und lebt in Berlin. Sein Roman "Das Schwarzlicht-Terrarium" wurde mit dem Ernst Willner Preis ausgezeichnet. Für "Endstufe" erhielt er ein Stipendium der Stiftung preußische Seehandlung.

Endstufe. Roman. Thor Kunkel
Gebunden, 588 Seiten,
ISBN 3-8218-0753-9
24,90€

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