Einundzwanzigster Juli. Jugendbuch ab 12.
Anne C. Voorhoeve, Ravensburger, September 2008

» Das ist völlig verrückt, denke ich. Sie hat alles gewusst, sie hätte beinahe mitgemacht, und jetzt geht sie einfach zurück zu denen, die Onkel Yps getötet haben ... Onkel Yps kann nichts verraten haben, so viel steht fest, aber was wäre, wenn ...
Ein schrecklicher Gedanke drängt sich nach vorn, ein Gedanke, der eben schon da war und sich nicht länger beiseite schieben lässt: was wäre, wenn sie Onkel Gerold und Onkel Yps nicht die Wahrheit gesagt hätte? Wenn sie ein doppeltes Spiel gespielt hätte, die ganze Zeit?
Die kluge, außergewöhnliche Lexi. Aus welchem Grund schläft sie eigentlich so schlecht?«

Fritzi ist 14. Sie wurde nach Ostpreußen verschickt, über Berlin kreisen die Bomber. Doch dann flieht sie zurück zu ihrer Mutter. Die ist nicht begeistert. Wir schreiben den Sommer 1944. Wenige Tage später wird ein Attentat auf Hitler verübt. Der Täter ist ein Verwandter Fritzis, bald kassiert die Gestapo alle, Kinder wie Greise, die mit einem der Täter verwandt sind. Fritzi weiß nicht, was sie davon halten soll. Eigentlich war sie eine treue Hitler Anhängern, aber ein Ostpreußen sind Sachen passiert ...
Dabei war der Onkel doch auch für Hitler. Früher jedenfalls.
Doch was Fritzi denkt, spielt keine Rolle. Die SS verschleppt die ganze Familie, vom Knast ins KZ vom KZ in ein geheimes Hotel, dann wieder ins KZ. Immerhin erhalten sie Sonderbehandlung, bekommen ein wenig mehr zu essen, bessere Unterkünfte. Angeblich will Himmler sie als Geiseln benutzen. Als das nicht funktioniert, sollen sie umgebracht werden. Sie haben Glück, die Wehrmacht rettet sie in den letzten Kriegstagen vor der SS.

Noch einen Roman über das Dritte Reich? Noch eine Doku-Fiction?

Eigentlich brauchen wir das nicht. Wenn, ja wenn diese Geschichte nicht so faszinierend, so authentisch geschildert wäre. Erzählt von der fiktiven Fritzi, als einem Familienmitglied der Stauffenbergs, die in die Fänge der SS gerät, weil die jeden Familienangehörigen der Widerstandsgruppe in Sippenhaft nimmt.

Die Sippenhaft ist hier das Thema, nicht das Attentat und die Frage nach der Schuld derer, die Hitler unterstützt hatten und irgendwann erkennen müssen, dass sie einen Verbrecher gedient haben.

Und Tante Lexi, die als einzige ungeschoren bleibt. Sie arbeitet für die Luftwaffe an neuen Zielgeräten, sie besitzt die Flugzeugführerscheine für alle Klassen von Motorflugzeugen. Außerdem ist sie Halbjüdin. Eigentlich ein Unding, doch sie ist so gut, ihre Arbeit so wichtig, dass die Luftwaffe sie dennoch beschäftigt. Selbst nach dem Attentat, an dem sie nur nicht teilnahm, weil sie kein geeignetes Flugzeug hatte. Fortan versucht sie ihren Verwandten mit Paketen, Briefen und Besuchen zu helfen, fliegt einen Onkel ins Hospital und wird ganz zum Schluss bei einem der Flüge für ihre Verwandten abgeschossen.

Die Autorin hat mit Fritzi eine glaubwürdige Heldin gefunden, hat der gängigen Versuchung widerstanden, alles durch eine Liebesgeschichte aufzupeppen und zeigt all den grausigen Doku-Fictions, wie es wirklich geht.

Obwohl, Liebe kommt schon vor. Das Buch ist es eine Liebeserklärung an eine Fliegerin, die heute anders als ihre Kollegin Hanna Reitsch – eine 150% Hitler-Anhängerin – längst vergessen ist. Tante Lexi heißt sie für Fritzi, Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg, Schwägerin des Hitler-Attentäters in Wirklichkeit. Eine begeisterte Fliegerin, geniale Ingenieurin, die für ein Verbrecherregime arbeitete, arbeiten musste, dessen Untergang sie ersehnte.

Wer für Kinder, Nichten, Neffen oder Enkel noch kein Weihnachtsgeschenk hat, hier ist es. Aber Sie sollten es frühzeitig kaufen, damit Sie es vorher selbst lesen können.


Einundzwanzigster Juli, Anne C. Voorhoeve, Jugendbuch ab 12, Ravensburger, September 2008
ISBN-13: 978-3473352937, gebunden, 348 Seiten, Euro 14,95

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