Ehre, wem Ehre ... Krimi.
W.W. Domsky, Leda Verlag, Oktober 2009


Ehre

»Der Traum von einer multikulturellen Gesellschaft war schon ausgeträumt, als der erste aufrecht gehende Affe von sich behauptete: Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist Gott.«

Aus einem fahrenden Auto wird in eine türkische Metzgerei hineingefeuert, drei Menschen sterben. Und ein Mann kann mit einem Kind durch den Hintereingang fliehen. Das Kind ist traumatisiert, redet nichts und wird in einem Kinderhort untergebracht.

Die Kommisarin Thea Zink übernimmt den Fall, eine Dame, die selbst für die gängigen Krimi-Klischee-Kommisare einen bemerkenswerten Alkoholkonsum an den Tag legt - sie ernährt sich vornehmlich von Wodka – und deren einzigen Sozialkontakte sämtlich in der Russenmafia zu Hause sind. Dabei legt sie ein Gebahren an den Tag, das selbst die Stasi vor Neid erblassen ließe. Glaubhaft ist das (hoffentlich) nicht, aber Krimis müssen nicht immer glaubhaft sein.

Natürlich vermutet jeder zunächst einen Bandenkrieg zwischen Kiezkönigen. Doch recht schnell stellt sich heraus, dass nichts dafür spricht und folglich weiß der Leser spätestens ab Seite 50, dass es sich um einen Ehrenmord handelt und wer die Täter sind. Doch warum?

Trotz der bald gelösten Täterfrage bleibt der Roman aber spannend, dafür sorgt die Autorin, die ihr Handwerk versteht. In 95% des Textes jedenfalls.

Wegen angeblich Islam-beleidigenden Stellen hat der ursprüngliche Verlag (Droste) das Buch abgelehnt. Was einen Aufschrei der Öffentlichkeit verursachte und dem Text eine größtmögliche Aufmerksamkeit sicherte und folglich auch einen zweiten Verlag.

Das ist das Positive. Die Versuche islamischer Terroristen, ihnen unangenehme Bücher durch Morddrohungen zu unterbinden, sind mittlerweile zum Rohrkrepierer geworden. Auch nur die leiseste Andeutung von eventuellen Drohungen reichen mittlerweile aus, eine Lawine an Öffentlichkeit loszutreten, einem Buch maximale Aufmerksamkeit zu sichern und, falls der erste Verlag aussteigt, so findet sich in aller Regel ein zweiter. Kommerzialisierung hat manchmal sehr positive Seiten.

Dabei ist mir absolut schleierhaft, was an dem Text beleidigend für den Islam sein sollte oder gar, was die Annahme des Verlegers rechtfertigte, der Text könne seine Mitarbeiter gefährden. Mittlerweile gibt es islamkritische Druckwerke in Massen, darunter genügend solche, in denen Beleidigungen wie „Mohammed war ein pädophiler Kamelficker“ noch die harmlosesten sind. Nichts vergleichbares findet sich in diesem Text, weder was Beleidigung angeht, noch Formulierungen, die Verlag und Mitarbeiter in das Fadenkreuz militanter Islamisten hätte rücken können. Insofern ist der Rückzug des Droste Verlags mehr als unverständlich.

Eigentlich könnte ich hier schließen mit der Feststellung: vorhersehbarer Krimi, der dennoch spannend ist.

Leider geht das nicht. Das hängt mit dem Thema zusammen. Und damit, dass die Autorin mehr wollte, als einen spannenden Krimi schreiben. Wie das Zitat am Anfang zeigt, hat sie eine Botschaft. Und die breitet sie auf den 5% Text aus, der weit weniger gekonnt geschrieben wurde. Um es klar zu sagen: Sie hat so ihre Probleme mit Türken. Der kleine Junge, der durch die Schießerei traumatisiert wurde und nicht mehr spricht, spricht dann doch. Nur einmal. Beim Abendessen, weil er der Köchin ruhig und gefasst erklärt, dass er Mohammedaner sei und deshalb kein Schweinefleisch essen darf. „Er sagt einfach nur, was ihm grad wichtig ist. Und das ist, wie man sieht, nicht seine Familie, sondern Allah. Wundert euch nicht, wenn er demnächst nach einem Gebetsteppich verlangt.“

Die Traumatisierung alles nur Tarnung? Das Schweigen vorgetäuscht? Der Kleine ein abgebrühter Schauspieler, der, weil Türke, zu keiner menschlichen Regung fähig ist? Ehrlich gesagt, mir scheint das denn doch weit über gängige Krimi-Unwahrscheinlichkeiten hinauszugehen. Ähnliches findet sich an einigen anderen Stellen. Die erfolgreichen Brüder der Toten, alle gut ausgebildet und des Deutschen perfekt mächtig, brüsten sich, dass ihre Schwester keinen Freund hatte. Weil sie aufgepasst hätten. In Zeiten, in denen selbst extremistische Islamseiten Ehrenmorde und Zwangsheiraten als unislamisch darstellen (ob sie das immer ernst meinen, darf man bezweifeln) würde wohl kaum jemand das so formulieren. „Meine Schwester war eine gute Muslimin. Sie wollte keinen Freund“ klingt doch sehr viel glaubhafter. Doch obwohl die Autorin auf den meisten Seiten die Dialoge glaubhaft und spritzig formuliert, häufen sich in den problematischen Stellen die hölzernen Dialoge, da reden Türken plötzlich so, dass man merkt, hier predigt in Wirklichkeit die Autorin. Und dass die Russenmafia hier als liebevolle, völlig zu Unrecht diffamierte Minderheit dargestellt wird, macht es auch nicht besser.

Das wäre, weil eben nur an wenigen Stellen auffallend, normalerweise bestenfalls einen Nebensatz in einer Rezension wert. Wenn das nicht mittlerweile zur Mode geworden wäre, Türken als minderwertig darzustellen. Schon Fünfjährige sind Monster.

Und deshalb hinterlässt das Buch denn auch einen schalen Geschmack. Obwohl man dem Leda Verlag danken muss, dass er es verfügbar machte. Nichts schlimmer, als wenn der Eindruck entstünde, dass Bücher aus Angst nicht veröffentlicht würden. Nur sollte man nicht vergessen, dass mittlerweile so mancher in der Opferrolle des verfolgten Islamkritikers Karriere zu machen hofft.

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