Die dunkle Seite der Liebe. Roman.
Rafik Schami, Hanser Verlag 2004




Olivenbäume und Antworten brauchen Zeit

"Da ist ein Toter im Korb!", schrie er vor Aufregung, und als endlich ein Polizist vorbeikam, der verschlafen zu seinem Revier am Osttor radelte, wandte er sich so heftig an ihn, dass der beleibte Beamte nur mühsam das Gleichgewicht hielt. Entsetzen überzog das Gesicht des Polizisten, als der kleine Mann wie von Sinnen an seiner Lenkstange rüttelte und unentwegt wiederholte: "Ein Toter! Ein Toter!"

Ein Verrückter, dachte der Polizist. Widerwillig wandte er den Blick zu der Stelle, auf die der Arbeiter ständig deutete, und sah den inzwischen ganz ins Morgenlicht getauchten großen Korb.

"Was für ein Toter? Sind Sie verrückt geworden? Lassen Sie mein Rad los!" Er hatte in seinen dreißig Dienstjahren überall Tote gesehen: im Bett, im Kanal und sogar erhängt auf einer Toilette, aber noch nie in einem Korb über der Stadtmauer."

"Glaubst du wirklich, dass unsere Liebe eine Chance hat?" fragt Farid seine Freundin Rana, in die er unsterblich verliebt ist - aber Rana gehört einer feindlichen Sippe an, den orthodoxen Schahins, ihr Clan liegt mit den katholischen Muschtaks von Farid in Blutfehde. Wenn ihre Familie von der Liebe erfährt, wird sie Rana umbringen, wie sie bereits ihre Tante umgebracht haben. Romeo und Julia sind in Damaskus allgegenwärtig.

Von den Anfänge der Blutfehde zwischen den Muschtaks und den Schahins im abgelegenen Dorf Mala bis in die siebziger Jahre erstreckt sich der Erzählbogen, der Sippe kann sich niemand entziehen und erst recht nicht dem Verbot der Liebe. Selbst wer in die Großstadt Damaskus flieht, bleibt der Sippe verbunden, auch wenn er sie hasst. Jugendliche werden von den Eltern verheiratet, eine Heirat zwischen Verliebten sei nicht gut, lautet das Dogma. Und so kommen, wenn wundert's, zahlreiche Zwangsehen in dem Roman vor, Liebschaften gehen meist unglücklich aus. Kein Wunder, dass die Hälfte der arabischen Lieder von der unerfüllten Liebe singen, erstaunlich, dass das nicht nur für die Mohammedaner gilt, sondern für die Christen mindestens ebenso.

Und zahlreiche Ehebrüche bevölkern das Buch, es wird gevögelt, dass die Schwarte kracht, nur nicht mit dem eigenen Ehemann und ich frage mich, ob da nicht auch kräftig übertrieben wird, vielleicht aus Rache gegen die Sippen, die die Liebe verhindern wollen?

Im mittleren Drittel des Buches scheint es sich in Anekdoten, Szenen, Erzählungen aus und über Damaskus und Syrien zu verlieren, das Thema Liebe blitzt nur noch selten auf. Hier verschlang ich das Buch nicht mehr, eher war es so, dass ich es Szene für Szene langsam weiterlas, die Erzählung wird ruhig. Möglicherweise wird der ein oder andere Leser hier das Buch zur Seite legen wollen. Er sollte es nicht tun.

Denn es ist die Ruhe vor dem Sturm, das Auge des Hurrikans. Am Schluss werden all die offenen Fäden wieder aufgenommen, die - scheinbar belanglosen - Anekdötchen von vorher gewinnen nun Bedeutung und das Buch wird zum Thriller, der Leser fiebert mit Rana und Farid mit, möchte, dass sie überleben, dass sie aus ihren Käfigen ausbrechen können und fürchtet, dass sie es nicht schaffen werden.

Es ist auch ein politisches Buch, auch wenn der Autor es anders sieht. Díe Diktatoren, Geheimdienste, Kommunisten und Muslimbrüder bilden zwar oft nur den Hintergrund, aber dieser Hintergrund gehört dazu und ist durchaus unverzichtbarer Bestandteil der Geschichte. Ohne sie wäre dieser Roman völlig anders gelaufen.

Der Roman hat eine vierzigjährige Entwicklung hinter sich. 1962 wurde eine junge Muslimin vor Rafik Schamis Augen und denen aller Nachbarn erschossen, weil sie einen christlichen Mann geheiratet hat. Man müsste einen Roman über alle Spielarten der verbotenen Liebe schreiben, dachte der Sechzehnjährige naiv. Das Vorhaben scheiterte kläglich. Jahre später erzählt ihm seine Mutter von einer Nachbarin, die eine Reise ihres Mannes nutzte, um die gesamte Wohnungseinrichtung zu verkaufen, ein zerrissenes Hochzeitsfoto ließ sie als einziges Andecken zurück und floh aus ihrer Ehe mit dem ungeliebten Mann. !986 schreibt der Autor die erste Fassung des Romans, aber bis die Geschichte wirklich steht, soll es noch über fünfzehn Jahre dauern.

Auf jeden Fall ein Leseereignis, manchmal brutal tragisch, manchmal ebenso brutal schön, mit viel Liebe, ebenso viel Trauer und immer mit Witz geschrieben vermag Rafik Schami den Leser in das Leben in Syrien, seine Sippen, seine Berge, Wüsten und viele tausend Jahre alten Städte zu entführen. Zahlreiche Personen, die sich im Laufe der Geschichte verändern oder gleich bleiben, stellt der Autor uns vor, mal kurz, mal länger, oft tauchen Nebenpersonen unerwartet später wieder als Hauptfiguren auf, aber immer sind sie sorgfältig gezeichnet. Schami hat eine Liebeserklärung an seine Heimat geschrieben, aber keine, die blind gegen die Schattenseite ist.

Fazit: Unbedingt lesen!

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Leseprobe
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Über den Autor: Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und gründete und leitete in den Sechziger Jahren dort die Wandzeitung "Al-Muntalek" in Damaskus. 1971 floh er nach Deutschland, weil er sonst "im Gefängnis oder in der Psychiatrie sterben würde", promovierte 1979 in Chemie und lebt heute in der Pfalz. Er ist Mitbegründer der Literaturgruppe "Südwind". Seine Bücher wurden in 22 Sprachen übersetzt. Er gewann den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis für sein Gesamtwerk, den Thaddäus-Troll-Preis, den Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar und zahlreiche weitere in- und ausländische Preise.

Die dunkle Seite der Liebe, Rafik Schami, Hanser Verlag 2004
ISBN 3-446-20536-5, gebunden, 896 Seiten, 24,90 €

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